144
Geschichte der Juden.
sich ohne Zwang über den Wahnwitz der Kabbala und ihrer Pfleger.Auch gegen den Talmud brachte Delmedigo im Sendschreiben an SerachSticheleien vor und pries die Karäer glücklich, daß sie ihn entbehrenkönnen i). Er hatte nichts zu fürchten, als er sein Herz vor seinemkaräischen Verehrer ausschüttete.
In Polen scheint sich Delmedigo auf die Dauer nicht behaglichgefühlt zu haben. Zechen mit den Edelleuten, die er ärztlich behandelte,durfte er nicht aus Furcht vor den Juden, und Geld zu verdienen gabes in diesem geldarmen Lande nicht. So begab er sich, wohl überDanzig, nach Hamburg in die damals kurz vorher geduldete Portu-giesische Gemeinde. Seine Arzneikunde scheint in der Elbstadt wenigBeachtung gefunden zu haben. Was bedeutete seine Kunst gegen dieder de Castro's, des Vaters und Sohnes? So mußte er sich ent-schließen, um eine Existenz zu haben, eine Art rabbinischer Functionzu übernehmen, sei es auch nur als Predigers. Er war daher umdes Brodes willen gezwungen, zu heucheln und dem rabbinischen Juden-thum das Wort zu reden. Ja um das Gerücht, welches aus Polenüber ihn als ganzen oder halben Ketzer herübertönte, zu zerstreuen,entblödete er sich nicht, die Kabbala, die er kurz vorher verdammthatte, als höchste Wahrheit anzuprcisen, vor welcher die Philosophieund alle Wissenschaften verstummen müßten. Zu diesem Zwecke arbeiteteer seine Schntzrede für die Geheimlehre b) aus, um die vernichtendeBeweisführung eines seiner Ahnen, Elia Delmedigo, gegen sie zu wider-legen. Aber diese Schrift war recht darauf angelegt, der unwissendenMenge Sand in die Augen zu streuen; sie enthält buntscheckigeGelehrsamkeit über Allerlei, aber keine Spur von Logik. Freilich war
') Die Schrift in Form eines Sendschreibens an Serach führt den Titelvollständig abgedruckt von Geiger in dessen Biographie. Einen Theilderselben gebrauchte,Delmedigo als Vorwort für seine Schrift o-rr pp«; aberdarin ließ er sämmtliche verfängliche Stellen gegen Talmud und Kabbala undGünstiges für den Karäismus, als anstößig für rabbinische Leser, ganz weg.Es ist kein Grund vorhanden, mit Zunz anzunehmen, daß die Karäer dieseStellen im Sendschreiben interpolirt hätten. Es ist nicht zu übersehen, daßDelmedigo's Polemik gegen den Talmud darin verhüllter als gegen die Kab-bala gehalten ist.
2 ) Daß er eine gewisse rabbinische Funktion in Hamburg und auch in „derGegend von Amsterdam" ausgeübt hat, giebt sein Epithaphium lo. S. 141); aberauch sein Famulus Samuel Aschkenasi giebt im Vorwort zu seiner Schriftnurn an, daß er Prediger war: i"L") oi.i
ri:r> rnr>iiri. Sein Biograph hätte diesen Umstand nicht
übersehen sollen, wodurch dessen unlauterer Charakter noch entschiedener her-vortritt.
°) Diese Quast-Apologie führt den Titdl .-mrrw