Manasse Ben-Israels Charakteristik. 77
Dissidenten nicht die Luft zum Athmeu, und sollte gar die Nachkommenderer dulden, welche in den neutestamentlichen Schriften so verlästertwerden? Das englische Volk, welches seit Jahrhunderten keinen Judengesehen hatte, theille meistens die Antipathie der Geistlichkeit gegen sie.Es sah in jedem Juden einen Shylock, der mit Herzenslust den ChristenStücke Fleisch ausschneiden möchte, ein Ungeheuer in menschlicherGestalt, welches das Kainszeichen an sich trage. Wer sollte es unter-nehmen, dieses dicke Vorurtheil zu bannen, um Bevölkerung wie Herrschergünstig für die Nachkommen Israels zu stimmen?
Ein Mann unternahm und führte diese schwierige Aufgabe durch,der nicht zu den Geistern erster Größe gehörte, der aber das rechteMaß von Einsicht und Beschränktheit, von Willensstärke und Schmieg-samkeit, von Wissen und Phantasterei, von Selbstverleugnung undEitelkeit besaß, welches zu einer so dornenvollen Unternehmung durchauserforderlich war. Manasse Ben-Israel, zweiter oder dritter Rab-biner in Amsterdam, der in der Heimath nur eine Nebenrolle spielte,der arme Prediger, welcher, um die Seiuigen zu ernähren, ein Nebcn-geschäft, eine Buchdruckerei, aulegen mußte, der aber auch davou sowenig Gewinn zog, daß er die Kanzelberedsamkeit mit kaufmännischerSpeculation vertauschen wollte und nahe daran war, nach Brasilienzu übersiedeln, er war es, welcher England für die Judenheit eroberteund die Vorurtheile gegen seinen Stamm, wenn auch nicht bannte,so doch verminderte. Ihm allein gebührt dieses Verdienst, das nichtgering anzuschlagen ist, nur wenige Hilfsgenossen standen ihm dabeizur Seite. Die Erlösung der Juden aus ihrer tausendjährigen Ver-achtung und Hintenansetzung in der europäischen Gesellschaft, odervielmehr das.Ringen nach ebenbürtiger Gleichstellung beginnt mitManasse Ben-Israel. Er war der Ri eher des siebzehnten Jahr-hunderts. Er war, wie gesagt, keine hervorragende Persönlichkeit undkann nur zu den Mittelmäßigen gezählt werden. Aber er hatte etwasin seinem Wesen, welches sehr auzog, eine gewinnende Freundlichkeitund Zugänglichkeit, die ihn befähigten, mit verschiedenen Kreisen zuverkehren, sich überall Freunde zu erwerben und keinen Feind zu haben.Er gehörte zu den glücklichen Naturen, welche in der Erscheinungsweltnicht die herben Gegensätze, die schrillen Mißklänge wahrnehmen unddaher vertrauensselig und unternehmend sind. Sein Gemüth wartiefer als sein Geist. Seine starke Seite war: gewandte Beredsamkeit,Leichtigkeit der Darstellung und Ausarbeitung derjenigen Gedanken,die in seinem engen Gesichtskreise lagen, und die er mehr empfangenals aus sich selbst heraus erzeugt hatte. Manasse Ben-Israel um-faßte die jüdische Literatur, kannte auch die christliche Theologie in dem