Der Senior Müller.
21
Und der Senat und die Juden behaupteten ihre Sache; denn da woEinsicht und Gerechtigkeit nicht durchdrungen konnte, schlug das Geldder Juden au, gegen das auch Pastoren nicht gleichgültig waren.Der Pastor Gesius zu St. Nikolai hatte gegen die deutschen Judenso heftig von der Kanzel gedonnert, daß sic, welche nicht so viel Zu-vorkommenheit genossen, die Stadt „auf Nimmerwiedersehen" verlassenhatten. Ein ansehnliches Geschenk für den Pastor bewirkte indeßihre Rückkehr Z.
Der Senior Müller durfte das Verdienst der Unbestechlichkeit fürsich beanspruchen; dafür war er aber um so giftiger gegen die Juden.In Schrift und Wort, auf der Kanzel und im Kreise seiner Schüler,im Privatgespräch und in officiellen Aeußcrungen war sein Lieblings-thema die Juden und ihre Demüthigung. Alles ärgerte ihn an ihnen,ihre Freude und Gastereien am Purim, ihre Trauer am Zerstörungs-tage, ihre Trachten, ihr Umgang mit Christen, ihre Leichenbegängnisse.In einigen Punkten hatte der Eiferer nicht Unrecht, so in der Rügegegen den Erbfehler der portugiesischen Marranen fleischlichen Ver-gehens mit Christinnen und gegen die Art, wie einige unter ihnendas Christenthum herausforderten. Zur Bestärkung der aus derpyrenäischen Halbinsel, im Christenthum geborenen und erzogenenMarranen in dem neuangeuommenen Bekenntnisse hatte der erste Ham-burger Chacham Isaak Athias die gegenchristliche Schrift desKaräeres Isaak Troki (B. IXg 457) ins Spanische übersetzt^). Außer-dem hatte ein jüdischer Schriftsteller (Jakob Jehuda Leon?) einGespräch zwischen einem Rabbiner und einem Christen über den Werthoder Unwerth der christlichen Dogmen, der Evangelien und Kirchen-schriften in lateinischer Sprache verfaßt, (OolloHmum illiääslburASvso^),
Johannes Müller in seiner judenfeindlichen Schrift (äuäuisirms) auf vomJahr 1044 (S. 1424 —1431). Die Einleitung dazu lautet: „Es werden aberetliche Ursachen fürgewendet, um welcher willen man den Juden ihre Synagogelassen solle". Darauf werden 7 Gründe aufgsführt, die wörtlich mit der Ver-theidigung des Senats von 1660 — 69 übereinstimmen. Es folgt daraus, daßMüller das. Hamburger Verhältnisse im Auge hatte, und daß der Streit zwischenSenat und Ministerium wegen der Synagogen noch vor 1644 entbrannt war.
*) Reils das. S. 392 und S. 400 Anmerkungen.
") Vergl. Wolf LibliotRsca, III. p. 546, 610, äs Rossi LibliotRso«.nntiobristinns, No. 17.
°) Fabricius behauptet, das nur handschriftlich bekannte OoUogrfturnHääsl-bnrZsnss gehöre Manasse Ben-Israel an, und Wolf glaubte diese Annahmedurch den Umstand bestätigt, daß Manasse in Middelburg gestorben sei (Wolf,T. IV. p. 903). Allein abgesehen davon, daß M. B.-Jsr. nur zufällig inMiddelburg bei seiner Rückkehr von London war und zwar 1657, ist diese An-nahme schon dadurch widerlegt, daß I. Müller von diesem Oolloguirirn schon