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Geschichte der Juden.
„Rahels Brief an ihren Bruder Robert" (ci. ci. Baden, 29. August 1819).Was hat es mitdiesem Briefe für eine Bewandtnis? Rahel „grenzen-los traurig, gekränkt bis zum herzerkaltenden Schreck über den durch Deutsch-land tobenden Judensturm" macht ihrem Herzen Luft: „Noch ist's in Berlinruhig, dort würde am meisten zu fürchte» sein, dort haben die Juden im Kriegegedient; die Hälfte ist getauft und mit Christen verehelicht, da hätte esnimmer gut gethan". Dieser Aufschrei der Verzweiflung der „unglückseligenKassandra" — so nennt sich Rahel selbst in diesem Briefe — hat keinerleistatistische Bedeutung, weder für die sogenannte Gesellschaft der Berliner Juden,die den eigentlichen Kreis Rahels bildet, noch für die wirkliche jüdische GemeindeBerlins, bezüglich welcher Rahel auch in ruhiger Stimmung und frei von jeg-licher Erregung vollständig incompetent ist. „Die Hälfte ist getauft" das ist injedem Falle eine statistisch durchaus werthlose Hyperbel!
Für die zweite Stelle, — welche gewiß ein frappantes statistisches Beispielfür die Massentaufen darstellt — ist Jolowicz, Geschichte der Judenin Königsberg, die Quelle. Aber diese Hinweisung ist ganz und gar einfrappantes Mißverständnis!; dasselbe bedarf in der That nur einer einfachenthatsächlichen Berichtigung. Bei Jolowicz ist nichts weiter zu lesen, als daßdie Volkszählung von 1822 ergeben hat für die Stadt Königsberg 1236 Juden,und für die and eren Städte und Flecken im Neg.-Bez. Königsberg 1382 Juden,und weiter, daß die Königsberger Regierung dem Pastor Bergius, einem Haupt-mitgliede des Vereins für Bekehrung der Juden, dieses Ergebnißauf Anfrage mitgetheilt habe. Die Zahlen in dem statistischen Beispiele be-ziffern also überhaupt keine Berliner, weder getaufte noch ungetauste— und die 1236, welche als die getaufte Hälfte (?) der Berliner jüdischenGemeinde hingestellt werden, haben 1822 die wirkliche jüdische Gemeinde der StadtKönigsberg gebildet — wie übrigens auch in der von Jolowicz gegebenen sta-tistischen Tafel über die Juden in Königsberg von 1750—1869 zu lesen ist.
Wie schon oben bemerkt, das Dictum von der während dreier Jahrzehntegetauften Hälfte der jüdischen Gemeinde Berlins veranschaulicht wie in einemBilde die „Massentausen". Dieses Dictum ist denn auch in der That in Graetz's„Volksthümliche Geschichte der Juden" (S. 604), ebenso in die französischeAusgabe Oraetri, Histoirs ctso lluitd V. (I'aris 1897, S. 303) übergegangen, unddasselbe wird auch bis in die neueste Zeit in der Litteratur vorzugsweise alsdas Beispiel der Masseutaufen citirt.
Irren ist menschlich. An eben derselben Stelle, wo einst der Jrrthumbegangen worden, soll heute, gewissermaßen im Namen des irrenden Meisters,die Pflicht der historischen Wahrheit erfüllt werden. Solcher Absicht verdanktdie Anmerkung zu den „Massentaufen" die Ehre, eine Stelle in der Geschichteder Juden gefunden zu haben. Es erschien nicht angemessen und war auchnicht thunlich, die Anmerkung durch Erörterung zusammenhängender Fragenüber ihre ursprüngliche Absicht auszudehnen. Mit dem Danke für die erwieseneEhre und mit dem Wunsche, daß die Absicht der Anmerkung erreicht sei, magdieselbe hiermit geschlossen sein.
Berlin, 22. November 1898.
vr. S. Neumann.