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Geschichte der Juden.
In derselben Zeit wurde von Zunz sn anderer Weise dieLitteratnr des jüdischen Mittelalters in Frankreich und Deutschlandund die jüdischen Dichter der Provence in eingehender Ausführlichkeit,allerdings mehr für gelehrte Kreise, behandelt *). Mit gerechtemSelbstgefühl wurde das lebende Geschlecht dafür gegeißelt, daß es fürdiesen Litteraturzweig, dem die christlichen Forscher des sechzehntenund siebzehnten Jahrhunderts so viel Hingebung gewidmet hatten,nur ein verächtliches Achselzucken habe. „Eine von der Weltgeschichteanerkannte historische Besonderheit sind die Juden, nach Volksthnmund Bekenntniß ein Ganzes, dessen Richtungen nach einheitlichen, mitihren Wurzeln in das tiefste Alterthum hineinragenden Gesetzen geleitetwerden, und dessen geistige Erzeugnisse bereits über zwei Jahrtausendeeine Lebensfaser durchzieht." Diese ihre Besonderheit begründet dieEigenthttmlichkeit einer jüdischen Litteratnr. „Man erkenne und ehrein ihr eine organische geistige Thätigkeit, die. . . vorzugsweise sittlichund ernst, auch durch ihr Ringen Theilnahme einflößt. Dieses stetsnnbeschützte Schriftthum, nie bezahlt, oft verfolgt, dessen Urheber niezu den Mächtigen der Erde gehörten, hat eine Geschichte, eine Philosophie,eine Poesie, die es anderen Litteraturen ebenbürtig machen . .. DieGleichstellung der Juden in Sitte und Leben wird aus der Gleich-stellung der Wissenschaft des Judenthums hervorgehen." So sprachdas stolze Selbstgefühl der Inden, das ans der jüdischen Wissenschaftemporgewachsen war.
Indessen drohte die stete Beschäftigung mit der mittelalterlichenLitteratnr in Einseitigkeit zu gerathen. War doch diese Epoche mitihren Erzeugnissen nur die Tochter einer ihr vorangegangenen nationalenThätigkeit und Enkelin oder Urenkelin einer noch überwältigenderenGeschichtsepoche. Auch diese dunkeln Seiten, die beiden Ursprüngedes Judenthums, Bibel und Talmud, wurden von dem Lichte derForschung, von der jüdischen Wissenschaft, in den vierziger Jahrenhell beleuchtet. Der Talmud lag in dem allerstrengsten Bann undin der schmählichsten Verachtung. Er war der Sündenbock, dem alleSchuld und alles Elend der Juden aufgebürdet wurde; wie einemAussätzigen mochte sich kein anständiger Forscher ihm nahen und sichmit ihm befassen. Aber auch dieser Bann sollte gebrochen werden.Wie, wenn das eigentümliche Schriftthum, das der Entstehung desChristeuthums zur Grundlage diente, auch talmudisch geschwängertwar? Dieser Beweis wurde mit vieler Kühnheit unternommen und diejüdisch-griechische Litteratnr, bis dahin von jüdischen Forschern wenig
U Zunz, zur Geschichte und Literatur, I. Band (Berlin 1845), S. 2. 21.