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Geschichte der Juden.
Berliner Reformgenossenschaft einen Gegner in ihrer nächsten Nähehatte, den sie nicht in ihre Berechnung gezogen, und der ihr um sogefährlicher wurde, als er nicht bloß mit seinem tief eindringlichen Worte,sondern mit jeder Fiber seines Wesens ein Protest gegen die durchComitö-Berathung entstandene Religion der Johannisgasse war. DieserGegner — man braucht ihn kaum zu nennen — war Michael Sachs(geb. in Glogau 1808, starb in Berlin 1864).
Wenn die erzeugende Natnr es darauf angelegt hätte, ein all-seitiges Widerspiel zu Holdheim zu schaffen, so ist es ihr mit Sachsgelungen. Aenßeres und Inneres, Gang und Sprache, Haltung undGemnthsrichtung, Studium und Charakterbildung, bis auf Gewohn-heiten und Liebhabereien, alles war so verschieden an diesen Beiden,daß man sie ans den ersten Blick nicht als Söhne desselben Volks-stammes und als Genossen desselben Standes hätte erkennen können.Wenn Holdheim das jüdisch-polnische Wesen, durch die talmudischeDialektik hochgeschraubt, darstellte, so erinnerte Michael Sachs an diejüdischen Abkömmlinge der pyrenäischen Halbinsel, veredelt durch klassischeFormen und ästhetischen Sinn; er ähnelte dem edlen Isaak Cardosooder Isaak de Pinedo oder de» vielen anderen Dichtern und Forschernvon marranischer Abkunft, die in Holland und Italien ihre begeisterteAnhänglichkeit an das Judenthnm mit ihrer Vorliebe für poetische undphilologische Beschäftigung zu vereinen wußten. Wie Holdheims Ge-burtsort seine Geistesrichtung und Charakterausprägnng mit bestimmte,eben so war Sachs' Grnndwesen von der Luft beeinflußt, die er imKindes- und Jünglingsalter eingeathmet hatte. In Glogau, der Ge-bnrtsstadt Munk's und anderer Männer, die eine Zierde des Juden-thnms bilden, herrschte in seiner Jugend innige Frömmigkeit, gehobendurch eifrige Beschäftigung mit der heiligen Schrift und der nen-hebräischen Poesie. Das Talmudstndinm stand hier nicht in ersterReihe. Hier traf man nicht Wenige, welche, ohne dem Gelehrtenstandeanzugehören, an der Litteratnr innigen Antheil nahmen, hebräischeVerse machten oder zierliche Briefe in hebräischer Prosa an gleichge-stimmte Freunde richteten, eine eigene Klasse von Dilettanten (iUn-wI>-Inmim). So regte seine geistige Mutter, die Bibel, in ihrer erhabenenGestalt Sachs' dichterische Anlage an, und seine regelmäßigen Studienauf dem Gymnasium und der Berliner Universität vollendete sie. So-phokles und Plato wurden eben so Vertraute seines Geistes wie Moseund Jesaia. Wären die Pforten akademischer Lehrämter den Judennicht verschlossen gewesen, so hätte Sachs eine philologische Lehrkanzelzieren können. Doch seine ganze Kraft sollte dem Judenthnm er-halten bleiben.