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Geschichte der Juden.
dem Gedächtniß und dem Bewußtsein des jüdischen Stammes womöglich ansgelöscht werden müsse, drängte Frankel zum lauten Aus-treten ans ihren Reihen, und der Beifall, der ihm von verschiedenenSeiten gezollt wurde, brachte es an den Tag, daß die Rabbiner-Ver-sammlung nicht die deutsche Gesammtjudenheit, sondern nur eine kleine,rührige Partei vertrat. Ohne es zu merken, hatte die FrankfurterRabbiner-Versammlung das Gleichgewicht verloren. Mit der Reform-genossenschaft mußte sie Verstecken spielen. Sie mußte deren Schrittelaut loben, weil sie sonst auch ihren Stützpunkt in der Reformparteieingebüßt hätte. Andererseits durfte sie sich doch nicht zu deren Hohl-heit bekennen, um nicht das Ansehen in den Gemeinden zu verlieren.Sie mußte sich daher mit einer Wendung aus der Verlegenheit helfen;sie würde die Bestrebungen der Reformgenossenschaft mit ihren Kräftenunterstützen, wenn dieselben „mit denjenigen Principien übereinstimmen,von welchen sie bei einer Reform im Judenthum ausgehen zu müssenglauben"); das klang wie ein verdeckter Tadel.
Indessen stieß sich die Reformgenossenschaft nicht an diesem halbenAbweisen; sie wußte, daß sie die Haupttonangeber in der Versammlung,und besonders Holdheim, auf ihrer Seite hatte. In der Selbsttäuschung,daß sie eine wesenhafte Neugestaltung des Judenthnms schaffen würde,bildete sie sich zu einer Gemeinde von etwa zweihundert Mitgliedernund feierte ihre Einweihung (2. April 1846), wobei Holdheim alsHoherpriester Weihrauchwolken aufsteigen ließ. Sie waren füreinander bestimmt und mußten, wie sehr sie sich auch anfangssträubten, einander in die Arme sinken. So war denn „einedeutsch-jüdische Kirche" aufgebaut mit einem Tempel, Predigerund Gottesdienst nach einem eigenen Zuschnitt. Man glaubte sichsiebzehn Jahrhunderte in eine syrische oder kleinasiatische Stadt odernach Rom zurückversetzt in jene Tage, als sich aus dem Kampfe desalten Judenthums mit halbchristlichen und halbheidnischen Elementenneue Gemeinden bildeten, welche zur Erinnerung ihres Ursprungs einenkleinen Brnchtheil vom Judenthum beibehalten hatten. Die neuenFormen herrschten indeß im Berliner Reformtempel vor. Das Betenmit entblößtem Haupte stempelte ihn besonders zu einem fremdartigen,und stieß auch innerlich Gleichgesinnte ab. Das Hebräische wurde nurin wenigen Formeln und beim Vorlesen aus dem Pentateuch beibe-halten. Der Reformtempel nahm überhaupt einen deutschthümelndenCharakter an und streifte den jüdisch-kosmopolitischen ab. Auch dieletzte, kaum merkliche Spur des jüdischen Ursprungs ist nur im Gottes-
*) Protokolle der zweiten Rabbiner-Versammlung, S. 277.