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11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
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L.

Samuel Holdheim.

Leben sehr leicht, ihm mangelte der Ernst der Gesinnung; er war nichtgeschaffen, ein Märtyrer für eine Ueberzeugnng zu werden. Heiter,gutmüthig, friedliebend, ohne Schroffheit, nahm Holdheim das Leben vonder freundlichen Seite und wies andringende Gewiffensfragen mit einemguten Witz ab. Freilich wäre es ihm lieber gewesen, dem Zwange nichtunterworfen zu sein. Es war ihm daher erwünscht, ihn gelegentlichabschütteln zu können.

Mecklenburg-Schwerin, das die Urformen mittelalterlicher Rohheitam treuesten bewahrt hat, hatte damals einen Fürsten, den die Launeanwandelte, seine Juden statt frei, freisinnig zn machen. Sie alleinsollten alle alten Erinnerungen und Formen gründlich abthun und sichneu gestalten. Ein Oberrath wurde für die Ablichtung der Gemeindenzusammengesetzt, und Holdheim wurde als Landrabbiner berufen (1840),um mit einzugreifen und den Neuerungen das rabbinische Siegel auf-zudrückeu. Hier konnte er sich zwanglos gehen lassen, und alles ob-legen, was ihm innerlich und äußerlich unbequem war. Zum Theilwurde er allerdings auch von einigen neuerungssüchtigen Mitgliedern desOberraths gedrängt. Er, der früher keine Ahnung davon hatte, daßder Gottesdienst auch eine Würde haben müsse, fand mit einem Maledie Unordnung in den Synagogen, die ihn in Frankfurt wenig gestörthatte, unangemessen und war darauf bedacht, Alles zu entfernen, wasnicht vom Zeitgeist gntgeheißen wurde. Da aber eine Umgestaltungdes Synagogen-Wesens ihm nicht aus innerem Drange kam, so saher sich nach Mustern um und führte die Württembergische Synagogen-ordnung ein, unbekümmert darum, ob der größtenteils altfrommenGemeinden damit ein Gewissenszwang angethan wurde oder nicht?)

Indessen synagogale Neuerungen waren nicht der Boden, auf demfür Holdheim Lorbeeren erblühen konnten. Er steckte sich dazu einausgedehnteres Feld ab. Das ganze Judenthnm in seiner dreifachenGestaltung, mit seinen biblischen, talmudischen und rabbinischcn Bestand-theilen, gedachte er umzukehren, die Begriffe zu verwirren, die Gewissenabzüstumpfen. Seit Paulus von Tarsus hatte das Judenthum nicht einensolchen inneren Feind erlebt, der dessen ganzen Bau bis auf die Grund-festen zu erschüttern trachtete. Holdheim hatte aber keine urwüchsigenGedanken, die er als Hebel znm Umsturz des Judenthums hätte anlegenkönnen; er hatte nur talmudisch geschliffenen Scharfsinn. Er mußtesich daher gegebener und landläufig gewordener Gedanken bedienen.Sein Scharfsinn diente ihm aber dazu, diese wenigen, halbwahrenVoraussetzungen anwendbar zn machen und sie mit einem Schein von

U Vergl. die Protokolle der ersten Rabbiner-Versammlung S. 6V. Orient,Jahrg. 1844, S. 2V6.

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