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11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
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Geschichte der Juden.

von neuem ein heftiger Streit ausgebrochen, der von beiden Seitenmit solcher Leidenschaftlichkeit geführt wurde, daß der Senat beideParteien zurechtweisen mußte *). Der Chacham und der Vorstandseiner Gemeinde, der treu zu ihm hielt, verbreiteten das Verdammungs-urtheil über das Gebetbnch zu Tausenden in vielen Gemeinden, unddie Tempelleiter forderten (Nov.) von gesinnungsverwandten Rabbinernund Predigern eine gutachtliche Erklärung über Werth oder Unwerthihrer Neuerungen ein, in der Voraussetzung, daß sie günstig für sieausfallen würde. Bei dieser Veranlassung trat die Wandlung zuTage, welche sich seit zwei Jahrzehnten in den deutschen Gemeindenvollzogen hatte. Während früher nur drei nicht ganz zurechnungsfähigeoder zweideutige Rabbinen sich zu Gunsten des Tempel-Ritus ausge-sprochen, viele Andere aber ihn verurtheilt hatten, stimmten beimzweiten Streite nur der Nachbarrabbiner von Altona Bernays zu,während zwölf oder dreizehn sich entschieden gegen ihn aussprachen(Ende 1841, Ans. 1842), unter ihnen abermals Aaron Chorin, derjetzt mehr Muth als früher zeigte. Damals begannen die Flegeljahreder Reform. Junge Rabbiner oder Geistliche, Seelsorger, wie sie sichlieber nannten, die meistens ihre Weisheit aus akademischen Lehrhäuserngeholt hatten und für den Mode gewordenen Fortschritt schwärmten,führten das große Wort. Die alten Rabbinen dagegen wagten nichtmehr gegen sie aufzutreten. So schien es, als wenn die deutsche Ge-sammtjndenheit für Neuerungen im Bethause eingenommen wäre, undnur noch einige Geistesverkommene sich dagegen stemmten. Bei allerUebereinstimmung der Gutachten für die Gesetzlichkeit des Tempel-Ritus zeigte sich indeß in denselben doch ein Ansatz zum Auseinander-gehen der Ansichten, welche sich später in Parteirichtungen verdichteten.Mannheimer z. B. bekannte sich zur messianischen Lehre vom Gottes-reiche und der Erlösung in hergebrachtem nationalem Sinne; nurFrankel sprach eben so viel Tadel gegen die beliebige und wissen-schaftlich nicht begründete Auswahl und Aeuderung des neuen Gebet-buches, wie gegen das starre System Bernays aus ^), und eben deswegenhaben die Leiter des Tempels dieses letztere Gutachten unterdrückt.Dagegen zeigten Samuel Holdheim und einige Andere, daß sie bereitsdie Reform des Hamburger Tempels weit, weit überflügelt hatten undihn als in Halbheit zurückgeblieben ansahen. Das letzte Wort warnoch nicht gesprochen; die Klarheit fehlte, weil die gediegene Wissen-schaft noch nicht ihr Endurtheil abgeben konnte.

i) Vgl. Orient, Jahrg. 1842, S. 133 f.

") Frankel's Gutachten im Orient 1842, Nr. 78 f.