Verdacht gegen die Juden von Damaskus. 467
Heiliger im katholischen Sinne, vielmehr ein Lebemann, der gerneGeld nahm, aber ungern gab. Er hatte sich mit Arzneipfuscherei, be-sonders mit Pockenimpfen, beschäftigt und eben so oft jüdische undmohamedanische Quartiere wie christliche besucht, um sein Handwerkanszuüben. Was ist aus dem der ganzen Bevölkerung von Damaskuswohlbekannten Pater geworden? Niemand wußte es genau anzngeben.Es war allerdings ein Gerücht laut geworden, daß Tomaso einigeTage vorher einen heftigen Wortwechsel mit einem türkischen Maul-thiertreiber gehabt, der wegen vernommener Lästerung Mohammedsgeschworen haben soll: „Der Christenhnnd soll von keiner andernHand als der meinen sterben." Es soll dabei zu Beleidigungen undThätlichkeiten gekommen sein; der Pater habe den Muselmann undseine Religion so arg verflucht, daß ein dabei anwesender türkischerKaufmann seinen Zorn ^darüber kaum habe an sich halten können.Sobald das Verschwinden des Pater Guardian Gewißheit und seinTod durch Gewalt wahrscheinlich geworden war, bestürmten die Möncheden französischen Consul in Damaskus, jenen gewissenlosen Ratti-Menton, dem Mörder nachznspüren. Sogleich wurde die Aufmerk-samkeit auf die Juden gelenkt, weil einige derselben harmlos aus-gesagt hätten, sie hätten Tomaso und seinen Bedienten am Abendedor dessen Verschwinden im Judenqnartier gesehen. Die Mönche, undunter ihnen besonders ein fanatischer Judenfeind Pater TustiZ'klammerten sich um so fester an den Verdacht gegen die Juden, weilsie dadurch mehrere Zwecke zu erreichen glaubten. Sie konnten ihrenHaß an den Juden sättigen, die Untersuchung unterdrücken, daß PaterTomaso mit Muselmännern einen Streit gehabt und Lästerungen aus-gestoßen habe — wodurch sie den Fanatismus der Türken auf sichgezogen sahen — und endlich einen neuen Märtyrer, von den Judengeniordet, unter ihre Heiligenschaar aufnehmen, was immer gewinn-
Thomas" im „neuen Pitaval" aus (B. II). Die Herausgeber Häring undHitzig stellten die Schuld oder Unschuld der Juden in Damaskus an diesemMorde als juristisch zweifelhaft dar, verwarfen demgemäß Mcrlato's Zeugnis;als parteiisch und hielten sich doch an Heilbronners Angabe, obwohl dieser nurMerlato's Echo bildet. Es ist nothwendig, vor dieser scheinbar objektiven,criminalistisch-juristische» Darstellung zu warnen und zu constatiren, daß sievon historisch-kritischem Standpunkte ans unzuverlässig ist, damit man sie nichteinst wegen ihrer scheinbaren Unparteilichkeit als gute Quelle ansehe und benutze.Häring und Hitzig ließen auch in dem Pitaval-Bericht die Sucht der Judennach Menschenblut überhaupt juristisch dubiös, was so absurd ist, daß dis Vers,es später in einem Schreiben an Löwenstein widerrufen haben. Aber im Pitaval-Artikel ist diese Albernheit stehen geblieben.
') S. Merlato's Bericht bei Löwenstein, Damascia, S. 70.