Druckschrift 
11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
Entstehung
Seite
428
Einzelbild herunterladen
 

428

Geschichte der Juden.

half auch damit dem deutschen Bolle zur Freiheit. Riesser machte essich zur ernsten Lebensaufgabe, die Ebenbürtigkeit der Juden durch-zusetzen, sie zu vertheidigen, wenn sie angegriffen wurde.Die un-säglichen Leiden vieler Millionen in zwei Jahrtausenden, die der Er-lösung harrten" lasteten schwer auf ihm. Sein Ideal war Lessing.Sogleich in seiner ersten Schrift (1831Z trat er mit selbstbewußtemStolze auf, stolz nicht bloß den deutschen Regierungen, sondern auchdem Volke gegenüber, welches noch immer die Juden auf der tiefstenStufe gehalten wissen wollte. Die befreiende Julirevolution hatte ineinigen deutschen Städten, in Carlsruhe, München, Breslau undanderen, nur neues Hep-Hep-Geschrei gegen die Juden hervorgerufeu,das zwar vom Gesindel ausging, aber von der guten Gesellschaftschadenfroh angehört wurde. Auch seine Stammesgenossen, welche mitihrer Bildung und gesellschaftlichen Stellung verächtlich auf die Masseder Juden herabsahen und sich des Namens Juden schämten, schonteer nicht:Wenn ungerechter Haß an unserm Namen haftet, sollen wirihn dann verleugnen, statt alle Kraft daran zu setzen, ihn zu Ehrenzu bringen?" Er hat viel dazu beigetragen, diesen: Namen einenTheil seiner Mißliebigkeit zu entziehen. Riesser war es vor Allemum die Ehre und Würde der Juden zu thun. Nicht eigennütziges Er-reichen vorenthaltener Vortheile lag ihm am Herzen, sondern er wolltesich an dem ewigen Kampf zwischen Freiheit und Unterdrückung, zwischenRecht und Unrecht, Wahrheit und Lüge betheiligen. Mit edler Ent-rüstung hielt er den deutschen Regierungen, namentlich der preußischen,einen Spiegel vor, der die häßlichen Züge ihrer Verkehrtheit zeigensollte, daß sie den Juden die Menschenrechte nur verkümmerten, umsie zur Taufe zu bewegen und solchergestalt sie zu falschem Eide undniedriger Gesinnung zu verleiten, weil der Uebertritt meistens in eigen-nütziger Absicht, ohne Aufrichtigkeit geschah.Wie kann der erwachseneMann Achtung für den schriftlichen^ Glauben festhalten, dessen Ver-ehrer ihm wie schnöde Kuppler erscheinen müssen, die, wie Kuppleranderer Art durch den Reiz des Goldes zu einem Bünduiß ohne Liebe,so durch äußere Vortheile zu einem Bekenntniß ohne Glauben locken?"Auch den Juden zeigte er ihr Spiegelbild, jenen Mattherzigen, diesich in ihrer Behaglichkeit von der Menge trennten oder sich durch einerlogenes Bekenntniß die Gleichheit erkauften oder wenigstens ihre Kinderder Kirche übergaben, um ihnen die Lebenswege zu ebnen.Die Ehreerforderte es", so rief er diesen zu,selbst wenn ihr Inneres sich der

i) Ueber die Stellung der Bekenner des Mosaischen Glaubens in Deutschland.An die Deutschen aller Confessionen. Altona, 1831.

-) Ueber die Stellung rc. ges. Sch. II, S. 43.