Gabriel Riesser.
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müthlich zerflossenen Vater von deutscher Abstammung. Gabriel Riessergehörte mit seinem ganzen Wesen der Neuzeit an; er steckte nicht wiedie meisten Träger der jüngsten Geschichte mit einem Fuße in deralten Zeit. Sein Vater Lazar selbst, obwohl in der Luft der Stock-frömmigkeit erzogen, gehörte schon zu den Halben. Als die Geschichtebündig und thatsächlich beweisen wollte, daß Juden in ihrem zufälligenGeburtslande vollständig aufzugehen und von ihrem nationalen Wesenjede Spur anfzugeben im Stande seien, hat sie Gabriel Riesser alslautsprechenden Beweis aufgestellt. Sein Denken, Fühlen und Träumenwar deutsch; er theilte selbst die Beschränktheit deutschen Wesens, dieVertrauensseligkeit, die Pedantische Ueberlegtheit und die Scheu vorrascher That. Von seiner jüdischen Abstammung waren nur geringeSpuren an ihm geblieben. Der sprudelnde jüdische Witz und der zer-setzende Verstand waren ihm fremd, ja ebenso widerwärtig wie einemblonden Sohne Teuts. Das Jndenthum in der nationalen Form alsSauerteig in der Geschichte war Riesser gleichgültig geworden; nurmit seinem Gemüthe und mit seinen Erinnerungen an die Jugend undan sein Vaterhaus hing er daran. Sonst war es für ihn in eineverdünnte Glaubenslehre znsammengeschrumpft, die er still in sich trug,ohne dafür einstehen zu wollen. Eine stille Ahnung lebte zwar in ihm,daß das Jndenthum ein verjüngtes, blühendes Leben fortzuführen imStande sei, aber ohne sich klar zu machen, worin diese Verjüngungbestehen solle. Sie seinerseits fördern zu helfen, lag außerhalb seinesGesichtskreises. Wäre er nicht in seinem erwählten Berufe gestörtworden, so wäre er ein harmloser deutscher Bürger, ein gewissenhafterRichter oder Rechtsbeistand geworden, hätte das in gegebenem Falleformale Recht gesprochen oder das Interesse seiner Auftraggeber wahr-genommen, ohne sich um öffentliche Angelegenheiten, um Weltverbesse-rnng oder um Aufhebung der verrotteten Zustände zu kümmern. Derdeutsche Judenhaß und die deutsche Engherzigkeit haben ihn erst zumVorkämpfer für das verhöhnte Recht seiner Leidcnsgenossen gemacht.Seine Erstlingsarbeit als Jurist hatte Beachtung gefunden; er wolltein Folge dessen Rechtsanwalt in seiner Gebnrtsstadt werden und wurdeabgewiesen. Er wollte in Heidelberg Vorlesungen über Rechtswissen-schaft halten, das Katheder wurde ihm ebenso entzogen wie die Ad-Vokaten-Lanfbahu. Gegen diese alberne Ausschließung empörte sich seinefriedliebende, milchfromme Natur. Obwohl er sich unendlich mehr alsDeutscher denn als Jude fühlte, wurde er doch als Jude hintangesetzt;das reizte ihn zum Angriffe. So wurde Riesser, der keinerlei Beruffühlte, ins Allgemeine zu wirken, nothgedrnngen zum Werkzeuge, dieFreiheit nicht bloß für seine Glaubensgenossen zu erkämpfen; denn er