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11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
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426
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Geschichte der Juden.

Mein Buch hat kein Anfang und kein Ende/' bemerkte dieserphantastische jüdische Dichter, der den Leidenskelch bis auf die Hefegeleert hat.Wenn die Söhne der Newa und der Weichsel, der Seineund der Themse sich die Hände reichen werden, wie Brüder, die ein-ander erkennen; wenn die stolze, hoffärtige Tochter Golgathas sich mitder sanften, schüchternen Tochter Zions küssen wird, wie Schwestern,die einander erkennen . . . dann wird mein Buch anfangen. Wenndie Menschen, die dann keinen besonder» Namen mehr haben werden,an der Newa, der Seine, der Themse und allen Gewässern ihre Händevom Blute waschen werden, von dem schwarzen Blute ihrer profanenund heiligen Tyrannen, die den Menschenhaß und den Menschenmordin die Welt brachten, dann wird mein Buch endigen."

Dieses Hochgefühl der jüdischen Polen, entsprungen aus der Theil-nahme an dem heißen Kampfe für die Freiheit, und genährt vonchristlichen Kampfgenossen, welche das herbe Wehe der Vaterlands-losigkeit tief empfanden, war zwar unter den Juden Deutschlands nochnicht vorhanden; es fehlten die Vorbedingungen dazu. Aber auch unterihnen begann sich in derselben Zeit das Selbstgefühl zu regen; wenig-stens schwand jene Aengstlichkeit und jene falsche Scham, von Judenund Jndenthnm zu sprechen, als wenn ein lautes Wort die anf-gethürmte Lawine von Judenhaß zum verderblichen Sturze erweckenkönnte. Juden aus der sogenannten guten Gesellschaft, welche, umetwas zu gelten, vergessen machen wollten, daß sie zu den Unter-drückten gehörten, und lieber das Unrecht, das ihnen angethan wurde,verbargen und verschwiegen ^), auch sie fingen an, sich ihres Werthesbewußt zu werden und legten allmählich die Scheu ab, als Juden an-gesehen zu werden. Diese Umstimmung, die sich an verschiedenenPunkten zeigte, wurde, wie jede Umstimmung, von tonangebenden Per-sönlichkeiten herbeigeführt.

Einen starken Antheil an dieser Selbstachtung hat GabrielRiesser (geb, 1806, starb 1863 2), ein Mann von edler Gesinnung,jede Fiber an ihm ein Mann. Wenn die deutsche Judenheit sich sobitter über die Schäden beklagte, die ihr eingewanderte polnische Indengebracht haben, so hat sie Riesser reichlich ersetzt. Denn seine Ent-schiedenheit verdankte er mehr seinem ans Polen eingewanderten Groß-vater mütterlicherseits, Raphael Kohen so. S. 40 >, als seinem ge-

*) Vgl. Berthold Auerbach's Vorwort zu seinem RomaneDichter undKaufmann".

2) Seine ausführliche Biographie gab Ur. Jsler als 1. Band zu Riessersgss. Schr., Frankfurt a. M. und Leipzig, 1887, unter dein Titel:Gabriel RiessersLeben nebst Mittheilungen aus seinen Briefen".