Druckschrift 
11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
Entstehung
Seite
403
Einzelbild herunterladen
 

Eduard Gans.

403

Rachmoiies (Mildthätigkeitssinn) nebst Brocken von Aufklärung undChilluk (talmudischer Dialektik)"^).

In ihrem Unmnthe über das Fehlschlagen ihrer nebelhaften Plänegriffen die Träger des Kulturvereins sogar den Hamburger Tempel-verein, ihren Verbündeten, an:Dahin bin ich gekommen", sprach sichderselbe Mitstifter unmuthig aus,an eine Judenreformation nimmer-mehr zu glauben; der Stein muß auf dieses Gespenst geworfen unddasselbe verscheucht werden. Die guten Juden, das sind Asiaten oder(ihrer unbewußt) die Christen . . . Die Juden und das Judenthum,das wir reconstruiren wollten, ist zerrissen und die Beute der Bar-baren, Narren, Geldwechsler, Idioten und Parnaßim (Gemeindevor-steher)" 2 ). Moser machte ebenfalls seinem Zorne durch Gering-schätzung des Reformvereins Luft:Die Hamburger täuschen sichgewaltig, wenn sie ihren Tempelbestrebungeu eine universelle Be-deutung beilegen; aber es ist eine Täuschung, die man ihnen lassen kann.Was brauchen sie zu wissen, daß sie selbst im Uebergange sind?" ...An einem ausgestopften Rabbi im zoologischen Museum wäre nochmehr Judeuthum zu studiren, als an den lebenden Tempelprediger»" ^).

Der Verdruß der Gründer des Kulturvereins war groß. DieTheilnahme dafür nahm eher ab, als zu. Die Zeitschrift in ihrerwunderlichen Thurmbausprache fand keine Leser, Geldbeiträge fehlten,ja die eigenen Mitglieder wurden fahnenflüchtig und traten trotz desstillen Eides zum Christenthum über (Daniel Lessmann, Kirschbaumund manche Andere). Eduard Gans dachte selbst im Stillen daran,sich durch das Taufwasser auf das Katheder heben zu lassen. DieZerfahrenheit unter den deutschen Juden, der wegwerfende Ton, mitdem die Söhne des Jndenthums über dasselbe sprachen, die vielenBeispiele von Judentaufen so z. B. sind bis t823 in Berlin 1236,die Hälfte der Gemeinde, und auswärts in Preußen 1382 vorge-kommen ^) und der stockkirchliche Sinn des Preußischen Hofes ließenin Berlin eine Gesellschaftzur Beförderung des Christenthums unterden Juden" entstehen, welche die Hoffnung hegte, sämmtliche Judenin die Kirche eintreten zu sehen. Rühs' Ermahnungen fanden eineStätte. Um diese Hoffnungen zu verwirklichen, legte die preußischeRegierung den Juden allerlei Hindernisse in den Weg. Veredelungdes Gottesdienstes, die sie Neuerung und Ketzerei nannte, durfte nicht

') Zunz in einem Briefe an Wohlwill vom Sommer 1824 bei Strodtmanna. a. O. I, S. 275.

2) Das. S. 274. °) Das. S. 277. 283.

Z Jolowicz, Geschichte der Juden in Königsberg S. 132, Note 2. Die Ge-sellschaft zur Beförderung der Bekehrung unter den Juden erhielt die königl.Bestätigung 9. Febr. 1822. lVgl. hierzu Note 7.)

26 *