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Geschichte der Juden.
das alt Ueberkommeue nicht so unbrauchbar sei, wie es die Re-formstürmer verlästerten, vielmehr nur einer Läuterung bedürfe, umverjüugungsfähig zu werden und Eindruck zu machen. Kanzel undChor, gleichgestimmt, erzeugten daher eine eigene Stimmung in deranwachsenden Wiener Gemeinde, deren Grundton Liebe zum an-gestammten Judenthume war, zugleich das jüdische Alterthum mit Ehr-furcht zu betrachten und dem Bedürfnis der neuen Zeit zu genügen.Mannheimers Persönlichkeit gab dieser Stimmung vollen Nachdruck.Auf der Kanzel wie in seiner Häuslichkeit und im Weltverkehr erschiener nicht als Seelsorger, Geistlicher, Priester, — er war ein Todfeinddes salbungsvollen, himmelnden Wesens — sondern bethätigte sichals seelenmilder Vater, Freund, Berather und Helfer. Da er es nichtan Tadel fehlen ließ, um die alten Unarten und die neuen Untugendenvon ihrer schädlichen Seite zu zeigen, so erzog er sich durch Wort undBeispiel eine Gemeinde, welche wahrhaft Muster geworden ist, inwelcher jedes Glied vor Allem bestrebt ist, den Frieden zu erhaltenund Spaltungen im Keime zu ersticken.
In Wien verwandelte sich zuerst trotz des politischen Druckes, dersich bis zum Revolutiousjahr erhielt, die Selbstverachtung der euro-päisch gestimmten Juden in Selbstachtung. Der Widerwille der pol-nisch verwilderten Juden gegen Gesittung verlor sich allmählich undmachte einer Neigung zur Selbstveredelung Platz. Die Wiener Ge-meinde erlangte dadurch eine geschichtliche Bedeutung. Der Ton, dervon der Kanzel und dem Chor erscholl und in den Gemüthern derGemeindeglieder nachklang, erweckte einen mächtigen Wiederhall innahen und entfernten österreichischen Gemeinden. Pest, Prag undkleinere Gemeinden in Ungarn und Böhmen folgten dem von Wiengegebenen Anstoß durch die versöhnliche Art, wie hier der „geregelteGottesdienst" auftrat. Bis nach Galizien wirkte die von Wien ge-gebene Anregung. Nach und nach fand die Wahl des Chacham Ber-nays für die Hamburger Gemeinde und Mannheimers Thätigkeitfür die gottesdienstliche Ordnung in der Wiener Synagoge auch indeutschen Gemeinden Nachahmung. Gebildete Rabbiner wurden vor-gezogen, und diese gaben den Synagogen ihre lang vermißte Würdewieder. Die deutsche Judenheit machte ihren Einfluß wiederum aufFrankreich und Italien geltend. Die französisch-jüdischen Consistorien,welche die günstige Zeit von Frankreichs Uebergewicht versäumt hatten,mußten empfangen, weil sie sich nicht zur Selbstthat erhoben hatten,um spenden zu können. Italien, wenigstens die Gemeinden, die zuOesterreich gehörten, folgten ebenfalls der von Deutschland aus-gegangenen Anregung, obwohl hier von jeher von der Kanzel in der