Druckschrift 
11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
Entstehung
Seite
385
Einzelbild herunterladen
 

Die Parteistreitigkeiten.

385

biner in Amsterdam und die französischen Großrabbinen des Kon-sistoriums von Wintzenheim begutachteten in demselben Sinne. Siealle erklärten die Neuerung im Tempel für entschiedene Ketzerest fürAbfall vom Judenthnme. Libermanns Betrügerei war dabei an denTag gekommen, daß das Rabbinat von Livorno sich keineswegs zuGunsten der Orgel ausgesprochen hatte. Der angebliche RabbinerSamun von Livorno und Chorin von Arad widerriefen, wahrscheinlichin Folge moralischer Zwangsmittel, ihr früher abgegebenes Gutachten.Am eifrigsten hatten sich zur Verdammung des Tempels Sßofer vonPreßburg und Benet von Nikolsburg bewiesen; sie verketzerten auchdie geringste Abweichung vom Herkömmlichen. Aber der Eindruck, densich die Urheber von ihrem Auftreten versprochen hatten, erfolgte nicht.Sie hatten zu lange gezögert, es waren bereits mehr als sieben Monateverstrichen, ehe die Verketzerungsgutachten bekannt wurden; indessenhatte sich der Tempelverein befestigt. Achtzehn verurtheilende Rab-binate (40 Rabbiner), das war nicht viel; das angesehenste Rab-binat, das Central-Consistorium von Frankreich, hatte geschwiegen. DieHerausgeber erklärten zwar, es wären noch mehr Gutachten ein-gelaufen; aber diese nachläufige Erklärung zog nicht. Die Gründe,welche die Rabbinen gegen den Tempelgottesdienst geltend gemachthatten, waren meistens nicht stichhaltig, einige geradezu kindisch. DerBuchstabe sprach gegen sie. Die Mannigfaltigkeit der rabbinischenAutoritäten aus so verschiedenen Zeiten und Ländern gestattete immerScheinbeweise für oder gegen eine Frage anzuführen. Die Rabbinenhätten sagen müssen: wenn auch der Buchstabe für die Neuerungspricht, so muß doch der Geist des talmudischen Judenthnms sie ver-dammen. Aber ans dieser Höhe standen sie nicht und gaben sich, weilsie auch den Buchstaben günstig für ihre Ansicht deuten wollten, mancheBlöße.

Diese Blöße deckte schonungslos einer der Urheber der Ham-burger Reform, M. I. Bresselan, in einem hebräischen Sendschreiben,auf (1819). In einem so prächtigen biblischen Styl, in so muster-haften, bilderreichen biblische» Versen ist es gehalten, daß es schien,als wenn Propheten und Psalmisten die Verblendung der Stock-rabbineu gegeißelt hätten. Bresselan behandelte sie bald wie unwissendeKnaben, bald wie Lügenpropheten, besonders aber als Friedensstörer.Jeder Satz in diesem scheinbar ernsten, aber ätzend satyrischen Send-schreiben ist ein Dolchstoß gegen die alten Unsitten und ihre Ver-teidiger ^). Die Neuerer erhielten auch von Polen aus Verstärkung.

st Drastisch ist z. B. folgender Passus in Bresselaus N 2 PN a-m (S. 7) undzeugt zugleich von feinem Style: iL'V'i. .. nn '.ni> "MM rn ar

Graetz, Geschichte der Juden. XI. 25