Druckschrift 
11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
Entstehung
Seite
375
Einzelbild herunterladen
 

Jacobson's Reformen.

375

welche sich seinen Anordnungen nicht fügen wollten, schließen zn lassen.Dieser ausgeübte Gewissenszwang regte aber die Gemüther der Alt-frommen ans; ganz besonders war die Einführung der deutschen Sprachebeim Gottesdienst Vielen verhaßt. Ein sonst milder Rabbiner,Samuel Eger von Braunschweig (starb 1842), hatte den Muth, gegendie Eigenmächtigkeit des Consistorial-Präsidenten aufzutreten. Er sprachprophetisch seines Ueberzeugung aus, daß durch deutsche Gebete undLieder die hebräische Sprache hintangesetzt werden und zuletzt aussterbeuwerde, und mit ihr sich das Band lockern werde, welches die in alleWelttheile zerstreuten Juden einigt'). Jacobson scheint sich an dieseMahnungen und diesen Widerstand nicht gekehrt zn haben. In Folgedessen müssen die Unzufriedenen beim König Jerome Beschwerden überihn und seine Neuerungen geführt haben; denn der König verwies ihmseine eigenmächtigen Eingriffe in Gewissenssachen und seine Neform-sucht. Auf Jacobsons Veranlassung scheint sein ConsistorialgenosseMendel Steinhard die Rechtfertigung der von ihnen eingeführtenNeuerungen nach talmndischen Gesetzen unternommen zu haben °).

Mit dem Karteuhause des westphälischen Königreichs zugleichschwand Jacobsons Herrlichkeit. Nach Berlin gezogen, richtete er hier(1815) einen Betsaal in seinem Hause ein, obwohl er früher gegenPrivatsyuagogeu geeifert hatte, und führte den reformirten Gottesdienstmit deutschen Gebeten, Gesängen und Chor ein; für die Orgel waranfangs kein Raum. Später gab der Banquier Jakob Beer (VaterMeyerbeers) einen großen Saal dazu her (1817), wo auch eine Orgelangebracht werden konnte. In Folge der Siege der Deutschen überNapoleon war die Kirchlichkeit in Mode gekommen und steckte auchdiejenigen Juden au, welche früher nicht das geringste Bedürfniß nachAndacht empfunden hatten und gegen religiöses Thun überhaupt gleich-gültig waren. Nur solche Halbbekehrte, aber nicht für das Judcnthnm,sondern für religiöse Empfiudelei Eingenommene fanden sich zum Jacob-son'schen Gottesdienst ein, um sich zu erbauen und sich Andacht zuverschaffen das waren die neuen Phrasen. DieGesellschaft derFreunde" ^) lieferte Mitglieder dazu. Das war der Ursprung derReformpartei, einer winzigen Gemeinde in der Gemeinde, die aberdurch ihre anfängliche Rührigkeit und in Folge des abstoßenden Wesensdes althergebrachten Gottesdienstes eine Zukunft hatte, wie sich leichtvorausschen ließ. Der Mittelpunkt dieses neuen Gottesdienstes war

H Auerbach, Geschichte der israelitischen Gemeinde Halberstadt, S. 210221.<1. ä. Nissan 1809 und Lebebat 1810.

") nirx herausgegeben von Wolf Heidenheim, 1812.

°) S. oben S. 1S3.