Heine's Taufe.
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Als um dieselbe Zeit der Fahnenträger des jungen Israel, der Be-gründer und rührige Trommelschläger des Kulturvereins, EduardGaus, ebenfalls zum Christeuthum übergetreten war, konnte es ihmHeine nicht verzeihen, da jener nicht aus Noth dazu gedrängt war. Erwurde noch ärgerlicher über ihn, als er vernahm, daß Gans schwacheJuden zur Taufe überredet haben sollte. „Thut er dieses aus Ueber-zeugung, so ist er ein Narr; thut er es aus Gleißnerei, so ist er einLump" ^). Er war auch ungehalten über Moser, daß er seine Taufemilde beurtheilt und ihn nicht, wie er es von diesem gefestigten Charaktererwartet hatte, herbe zurechtgewiesen hat. „Ich bin froh, der alteFriedländer und Bendavid sind alt und werden bald sterben, unddiese haben wir dann sicher, und man kann unserer Zeit nicht denVorwurf machen, daß sie keinen einzigen Untadelhaften aufzeigenkann" 2). Verdrießlich war es auch für ihn, daß seine Gegner seinejüdische Abstammung nicht vergessen mochten und sie ihm wie Börnebei jever Gelegenheit in Erinnerung brachten. Um seine Gewissens-bisse einigermaßen zu beschwichtigen, arbeitete er an dem Roman„Rabbi von Bacharach" weiter; er wollte damit seine innerliche An-hänglichkeit an die Juden bekunden, und ihn veröffentlichen trotz derAbmahnung seines Freundes Moser, der den grellen Widerspruchzwischen Gesinnung und That und die Feindschaft, die er sich dadurchzuzieheu würde, nicht übersah. Indessen vernachlässigte er ihn dochnach und nach und veröffentlichte ihn erst viel später als ein Bruchstück.
Heine war aber nicht dazu geschaffen, sich stets von Gewissens-bissen quälen zu lassen. Da er einmal dem Judeuthume den Rückengekehrt hatte, suchte er sich selbst zu betäuben. Sein dem Lustsiunzugewaudtes Leben unmittelbar nach seinem Uebertritt war nichts alsein Versuch, sich zu betäuben. Heine klügelte förmlich, um Schatten-seiten au den Juden und am Judeuthume zu entdecken und sich so vorsich selbst zu rechtfertigen. Aus dieser Stimmung stammen seine ge-hässigen Ausfälle auf das Judeuthum, daß es z. B. „keine Religion,sondern ein Unglück sei." Später suchte er die Kluft zwischen Juden-thum und Christeuthum bis auf eine verschwindende Linie zu verringern,beide als selbstquälerisch, mönchisch und nazarenisch zu bezeichnen,beide zugleich zu verunglimpfen und sich über beide hinweg zu einerhellenistischen Religion der „Wiederherstellung des Fleisches" zu be-kennen. Je tiefer er in den Lebensstrudel hiueingerissen wurde, destomehr entschwanden Judenthum und Juden aus seinem Gesichtskreise.
U Das. S. 141 f.
') Das. S. 2k>7 s.