Der Congreß von Aachen und die Juden. 323
Diese zugleich mystische und vernünftige Denkschrift überreichteWay dein Kaiser von Rußland, und sie muß einen Eindruck auf ihngemacht haben; denn er übergab sie seinen Bevollmächtigten Nessel-rode und Ca Po d'Jstri as mit dem Aufträge, sie und die Emanci-pation der Juden zum Gegenstand der Congreßberathnng zu mache».
Aus Rücksicht für Alexander, der damals Tonangeber in Europa war,mußten die Bevollmächtigten, wenn auch zum Scheine, darauf ein-gehen. Sie gaben hiernach zu Protokoll <21- Nov. 18l8): daß siezwar nicht in alle Gesichtspunkte des Verfassers der Denkschrift ein-gehen könnten, daß sie aber der Richtung und dem lobenswerthenZiele seiner Vorschläge Gerechtigkeit widerfahren lassen müßten. DieBevollmächtigten von Oesterreich und Preußen Metternich, Hardenbergund Bernstorff) erklärten sich bereit, „über den Stand der Frage inbeiden Monarchien jede Aufklärung zu geben, welche zur Lösung einesProblems dienen könne, das zugleich für den Staatsmann und denMenschenfreund wichtig sei." Es war weiter nichts als eine höflicheRedensart. Die Kongreßmitglieder hatten ihre Köpfe weit eher vonPlänen voll, die Freiheit Europas zu unterdrücken, als sie, sei es auchnur an einem einzigen Beispiele, zu erweitern. — Noch eine andereStimme richtete begeisterte Worte zu Gunsten der deutschen und polnischenJuden an den Congreß von Aachen. Michael Berr, wie sein Vaterunermüdlich für die Erhebung seiner Stammesgenossen thätig, ließ den ^Strom seiner Beredsamkeit für diese gerechte Sache fließen: „In Karlsdes Großen Lieblingsstadt werden die Monarchen endlich entscheidenüber die politische Existenz meiner Glaubensgenossen in Deutschland,von denen viele in mehreren Theilen dieses Landes noch unter demDrucke der schimpflichsten Auszeichnungen seufzen ... Die Ehre Deutsch-lands, die Ehre des Zeitalters und die der Monarchen, von denenEuropa sich so große Wohlthaten verspricht, fordern laut die Wieder-einsetzung der Inden in die bürgerlichen und politischen Rechte; siesind mit Recht über Gesetze empört, die hier und da noch zum Nach-theil der Juden vorhanden sind"*). Die italienischen Juden thatensich ebenfalls zusammen, um ein Gesuch an den Congreß von Aachenwegen Abstellung ihrer Bedrückung und Quälereien zu richten. Siehaben aber durch das Unterbleiben desselben nichts verloren. DieZeit war bereits vorüber, wo Fürsten und Staatsmänner, Weise undVolksmänuer sich „die Verbesserung der Lage der Israeliten", wie eslautete, angelegen sein ließen.
ft.lourual «ts Uranos, 20. Octbr. 1818, auch abgedruckt in 8nlamit V,
2 S. 275. 278.