Druckschrift 
11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
Entstehung
Seite
241
Einzelbild herunterladen
 

Lefrank's Satyre.

241

anrechnet, daß es schachert." Betrug soll ein verbreitetes Lasterder Juden sein?Dich bestiehlt dein christlicher Schneider, dein

Schuster giebt dir schlechtes Leder, dein Krämer falsches Maß undGewicht, dein Bäcker giebt dir bei gesegneten Ernten kleines Brod.Dein Wein wird verfälscht, dein Knecht und deine Magd vereinigensich, dich zu betrügen. Du selbst verfälschst in der Unschuld deinesHerzens elende Lügen und boshafte Tücke auf Löschpapier fürsechs Groschen, die keine sechs Stecknadeln werth sind, und du kannstbehaupten, Betrug sei ein eigenthümliches Laster der Juden"?Zähle nur unter der Menge der eben jetzt in London und Parisansgebrochenen Zahlungseinstellungen, ob auch nur eine einzige jüdischedabei ist? Davon kannst du aber nichts wissen das steht nichtin deinem Eisenmenger!Albernes Gewäsch ist, was du dem großenFichte nachschwatzest, daß der Jude einen Staat im Staate bildet."Du kannst es dem Juden nicht vergeben, daß er richtig deutsch spricht,daß er sich anständiger kleidet, daß er oft vernünftiger urtheilt als du.Er hat nicht einmal einen Bart mehr, bei dem man ihn zupfen kann,er spricht nicht mehr kauderwelsch, daß du ihn nachäffen könntest...Der Jude hat sich seit zwanzig Jahren Mühe gegeben, sich den Christenzu nähern, aber wie wurde er ausgenommen? Wie manche Eingriffehat er schon in seine kanonischen Gesetze gethan, um sie euch anzu-schmiegen, aber den Rücken kehrt ihr ihm zu ans lauter Humani-tät')."Doch scheint mir deine Schrift von guter Vorbedeutungzu sein. Der gemeine Mann glaubt, der Winter könne nicht anders vomSommer als durch ein fürchterliches Donner- und Hagelwetter sich unter-scheiden. So ist es auch mit dir. Verfolgung, Fanatismus und Aber-glaube liegen in den letzten Zügen und erheben in dir durch gewaltigesToben ihre letzte Anstrengung, um endlich ihren Geist gänzlich aufzu-geben." Lefranks Selbstbewußtsein war das sicherste Vorzeichen fürden endlichen Sieg der Juden.

Das deutsche Volk, das damals, am Vorabend der Schlacht beiJena, eiugestandener Maßen bis zur Verächtlichkeit niedrig und ge-sinnungslos war, wollte einen Stein auf die Juden werfen! DieJuden mußten, wenn sie auf Anerkennung und Gleichstellung rechnenwollten, von der Thatsache durchdrungen sein, daß die sie umge-bende Welt, wenn nicht schlechter, so doch keineswegs besser war als sie.Unter den damaligen Umständen, bei der Selbstverkennung und Selbst-mißachtung der Juden, war die Hoffnung auf Befreiung trügerisch.In protestantischen Gebieten wie in katholischen, in Preußen nicht

') Uokranü, a. a. O., S. 21.

Graetz, Geschichte der Juden. XI.

16