Die judenfeindlichen Schmähschriften. 237
den Juden, die eine thierische Religion haben, ist eine gegenseitige Liebeeben so unmöglich, wie zwei mal zwei nicht fünf sein kann."
Da dieser deutschthümelnde Sophist Friedrich Buchholz an denJuden auch nicht ein einziges gutes Haar gelassen hat, wollte er sienatürlich auch im christlich-deutschen Staate nicht einmal geduldetwissen, sie würden ihn ebenso verderben wie sie das Römerreich undbeinahe auch Holland verdorben hätten. Was soll nun mit ihnengeschehen? „Es ist die höchste Zeit, auf Rettung der Christen bedachtzu sein", rief er ans. Vor allem müsse man den Inden ihre Religionnehmen, die sich seit Moses Zeiten immer mehr verschlimmert habe.Aber wie? Soll man Gewalttanfe» anwenden, wie in Spanien unterSisebut und Ferdinand dem Katholischen? Es wäre Buchholz schonrecht gewesen; allein einerseits war ihm die Taufe zu heilig, um siean den Juden zu entweihen, und andrerseits würde das Taufwassersie nicht rein waschen, meinte er. Allgemeine Vertreibung der Judenwäre ihm auch recht gewesen, aber es ging nicht. Mit gewaltsamerEntziehung und Taufe der Judenkinder wäre es auch nicht gethan.Daher gäbe es nur ein einziges Mittel. Sämmtliche Juden solltenwie die Sträflinge zu Soldaten gemacht, in das Heer gesteckt werden,doch so, daß keiner von ihnen je zu einer Offizierstelle befördert werdensolle, es sei denn, daß er die auffallendsten Beweise der Bravour ge-geben hätte.
Die Tonangeber der Berliner Judenschaft waren rathlos, wassie dieser systematischen Judenhetze entgegensetzen sollten. David Fried-länder schwieg. Bendavid schickte sich an, etwas dagegen zu schreiben;aber er unterließ es wohlweislich. Er war wegen der Schwerfälligkeitseiner Phitosophie unfähig, ein zündendes Wort gegen die Feinde zuschleudern. Die Rollen hatten gewechselt. In der Mendelssohn'schenZeit und noch später mußten die deutschen Juden die Vormundschaftüber die französischen übernehmen, so oft diese Unbilden ausgesetztwaren. Jetzt hatte die Freiheit diese so mündig und selbstvertrauendgemacht, daß sie jeden Angriff auf sich und ihr Bekenntniß mit Muthund Gewandtheit zurückschlugen. Die Berliner Juden dagegen, welchesonst stets das große Wort führten, benahmen sich bei dem erstenfeindlichen Anlauf gegen sie rath- und hilflos wie die Kinder. Inihrer Verlegenheit steckten sie sich hinter die Polizei. Sie bewirktenvon ihr ein Verbot: daß keine Schrift, es sei für oder gegen die Juden,veröffentlicht werden dürfe. Dieser Schritt wurde von den Gegnernals Feigheit oder Eingeständniß ihrer Ohnmacht ausgelegt. Eine neueSchmähschrift „Können die Juden ohne Nachtheil für den Staat beiihrer jetzigen Verfassung bleiben?", die ruhiger als Grattenauers ge-