230
Geschichte der Juden.
strickt sind, und überhaupt die jüdische Gemeinde der Ehre würdigen,durch die Ertheilung des Passiv- Bürgerrechts mit der deutschen NationEin Volk auszumachen. — Die Juden (oder ihr BevollmächtigterGrund) führten an, daß sie „neben den Ehrlosen, Geächteten, Leib-eigenen stehen" müßten. Die elende Lage der Frankfurter Gemeinde,die nach der Stättigkeits-Ordnung von 1616 der natürlichen Freiheitberaubt und in die engsten Grenzen zurückgedrängt war, diente ihnenals einschneidender Beleg. Sie wiesen auf das Beispiel hin, das Frank-reich und die batavische Republik zur Emancipation der Juden gegebenhatten. Schwerlich haben sich die Juden der Täuschung hingegeben,daß die Reichsdeputation ihnen so viel einräumen werde. Aber siehofften dadurch wenigstens Eine Beschränkung loszuwerden, die desLeibzolls. Dieser Punkt wurde daher ganz besonders betont: „dasEntehrendste von Allem ist wohl der Leibzoll, welcher den Juden ausder Reihe der vernünftigen Wesen unter die Thiere versetzt und den-selben nöthigt, den Fußtritt zu bezahlen, den sein Körper ... aufdiesen oder jenen Boden thut." Ganz unerwartet wurde dieses Bitt-gesuch der Reichsdeputation von dem angesehensten Mitgliede, demkurböhmischen oder östereichischen Gesandten, überreicht und unterstützt.Er knüpfte daran den Antrag, „den Juden (in Deutschland) das Bürger-recht zu ertheilen" (Ende 1802). Indessen hatte die Entschädigungs-Conferenz andere Angelegenheiten zu regeln, als daß sie sich mit derJudenfrage hätte beschäftigen sollen. Das Gesuch fand sein Grabunter den Akten.
Von der deutschen Gesammtheit war daher nichts zu erwarten;das sahen diejenigen ein, welche dem Gange aufmerksam folgten. Sierichteten daher ihren Eifer dahin, zunächst von den einzelnen Regierungenden Leibzoll aufheben zu lassen. Zwei Männer haben sich um dieBeseitigung dieser Schmach verdient gemacht, Israel Jacobsonund Wolfs Breidenbach. Der Erstcre, Hofageut und Finanzrathdes Fürsten von Braunschweig, hat indessen nur diesen dafür gewonnen,den Leibzoll in den Braunschweig-Lüneburgischen Landen aufzuheben(23. April 1803). Umfassender wirkte zur selben Zeit und mehrereJahre hindurch dafür Wolfs Breidenbach^) (geb. im Dorfe diesesNamens bei Kassel 1751, starb in Offenbach 1826), ein Mann vongediegener Bildung, hochherzigem Sinne und so bescheidenem Wesen,
ft S. über Breidenbach Note 4 fVgl. M. Silberstein in der Ztschr.f. d. Gesch. d. Juden in Dtschl. V, 126—145 und 335—347, der das im März1805 beendigte Buch von Scheppler nicht benutzt hat und nur für die Jahre1865 und 1806 einige Nachträge beibringt.)