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11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
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Goethe's Stimmung in Betreff der Inden. 223

Ghetto gewieseni). Zwei Männer ersten Ranges, der größte Dichterund der größte Denker jener Zeit, Goethe und Fichte, theilten dieEingenommenheit der Deutschen gegen die Inden, und machten keinHehl daraus; sie konnten dabei allerdings ans den Beifall der Großenund der Menge rechnen. Goethe, der Vertreter der aristokratischenKreise, und Fichte, der Verfechter der demokratischen Richtung inDeutschland, beide wünschten die Juden wie Verpestete, weit, weitvon der christlichen Gesellschaft entfernt. Beide waren zwar mit derKirche zerfallen, das Christeuthnm mit seinem Wunderglauben warBeiden eine Thorheit, und beide galten als Atheisten. Nichts destoweniger verabscheuten sie die Juden im Namen Jesu. Goethe zeichneteeinen Jdealstaat oder eine leichtlebige Ordensgesellschaft in seinemRomanWilhelm Meister" worin die Schönheit, die Kunst, dasheitere, ungezwungene Leben statt der Sittlichkeit herrscht, und worinneben schönen Seelen auch Philinen, neben geheimnißvollen Abbosleichtfertige Abenteurer, wenn sie nur Anstand haben, Platz finden.Aber die Juden werden aus dieser Gesellschaft ausgeschlossen. Warum?Wir dulden folgerecht keinen Juden unter uns, denn wie sollten wirihm den Antheil an der höchsten Kultur vergönnen, deren Ursprungund Herkommen er verleugnet?"^). Hätte Goethe eine Stimme ineinem deutschen Parlamente gehabt, so würde er wohl dasselbe gegenZulassung der Juden zum Staatsleben geltend gemacht haben. BeiGoethe sprach die Unduldsamkeit gegen die Juden nicht gerade ausihm selber heraus; er gab vielmehr nur die Stimmung wieder, welchein den gebildeten deutschen Kreisen damals herrschend war. Aufge-bläht von einer Kultur, die in Deutschland doch erst von gesterndatirte und noch von Roheit begleitet war, stempelten die Deutschendiese Kultur zu einerchristlichen" und versperrten den Juden denEingang dazu mit vollständiger Verkennung der Thatsache, daß dasJudenthnm sie theilweise mitschaffen geholfen hat, im Alterthum durchdie Bibel, im Mittelalter durch die jüdische Philosophie, und in derNeuzeit durch Spinoza und Mendelssohn.

Noch schneidender und herber gegen die Juden war Fichte, dereinseitige Vollender Kants. Er hatte bis zum Ausbruch der fran-zösischen Revolution wie die meisten deutschen Metäphysiker ins Blauehinein philosophirt. Diese gab erst seinem Denken einen festen Inhalt.

*) Grattenauer I, Erklärung, S. 13.

2) Wilhelm Meisters Wanderjahre III, o. II, während der französischenRevolution geschrieben. sVgl. L. Geiger, Goethe und die Juden, in der Ztschr.f. d. Gesch. d. Juden in Dtschl. I, 321 365. 111/281 f. Die vorliegendeAeußerung Goethes hat Geiger a. a. O. übersehen.)