Reden zu Gunsten der französischen Inden. 195
Wir zollen allen ihre» Tugenden Beifall, die sie uns an ihnen bewundernlassen." An demselben Tage pflog die Generalversammlung derRepräsentanten der Stadt Paris Berathung über die Unterstützung,welche sie den Inden angedeihen lassen sollte. Auch im Schooßedieser Versammlung gab es indeß einige Judenfeinde; aber die Rededes Abtes Bertolio war von so überwältigender Wirkung, daß siealle Gegner verstummen machte. Sie berührte alle Seiten der Juden-frage und war überhaupt gründlicher, als die rednerischen Exaltationengewöhnlichen Schlages jener Zeit. Nach so vielen Menschen-Hekatombenund Scheiterhaufen erkannte endlich dieser Diener der Kirche, daß esein Jrrthum des menschlichen Geistes gewesen sei, die Eigenschaft desBürgers vom Glaubensbekenntniß abhängig zu machen, und daß esei» entsetzliches Unglück gewesen sei, die Religion an den Staat zuketten. „Um diese Jrrthümer zu erkennen und dieses Unglück abzu-wenden, dazu bedurfte es dieser eben so glücklichen, wie unerwartetenRevolution, welche Frankreich verjüngen soll. Aber sie würde un-
vollendet bleiben, wenn die Verfassung nicht gleichen Schritt mit denIdeen hielte. Ihre Prinzipien haben bereits drei Millionen Protestantendem bürgerlichen Leben wiedergegeben, und das Verbrechen desWiderrufes des Ediktes von Nantes gesühnt. Die Prinzipien habensoeben über ein noch tiefer gewurzeltes Vorurtheil gesiegt. DenJuden von Bordeaux, Bayonne und Avignon ist ihr Stand als
Bürger durch einen feierlichen Beschluß zugesichert worden. DieselbeGerechtigkeit verlangen auch die französischen Juden in Paris undanderen Theilen des Königreiches. Kann man sie ihnen versagen?Welchen wesentlichen Unterschied kann man zwischen ihnen und ihrenBrüdern von Bordeaux machen? Etwa weil jene im Besitze vonFreibriefen (Isttrss putsntos) waren? Aber die Freibriefe derranzösischen Inden liegen in der Natur, und dieses Siegel ist kräftigerals das aller Kanzleien Europas. Es ist nur zu wahr, daß dieJuden seit Jahrhunderten die Schlachtopfer der unglaublichsten Hab-gier, der grausigsten Verfolgungen, der blutigsten Intoleranz gewesensind. Aber eben die lange Dauer ihres Unglücks ist nur ein Grund
mehr, es aufhören zu lassen. Beeilen wir uns, das Verbrechen
unserer Väter vergessen zu machen und ihnen das wiederzuerstatten,ivas sie nie verlieren konnten, weil ihr Bürgerrecht unverjährbar ist,wie die Natur, die sie dazu beruft. Ich höre das Wort Politik
*) Es war ein Jrrthum von Bertolio. »Uss jnitd äs Loräsanx, äsUaz'oims st cll.^viZ-non voient Isur etat rs,8surs.« Nicht die Juden vonAvignon, sondern die aus dieser Stadt in Bordeaux eingewanderten Judenwaren einancipirt.
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