Die Judenfrage auf der National-Versammlung. 189
Leid derselben zu schildern und eine menschenwürdige Behandlung zuerflehen. Würdig erfüllte er seine Aufgabe. Er mußte sich kurz fassen,weil die Versammlung, welche durch den Zusammensturz eines so altenReiches einen Neubau auf dessen Trümmern zu errichten hatte, nichtviel Zeit für langathmige Reden fand. Berr beschwor im NamenGottes, im Namen der Gerechtigkeit und der seit so vielen Jahr-hunderten beleidigten Menschheit die Versammlung, daß sie das thränen-reiche Geschick der unglücklichen Nachkommen des ältesten Volkes ifastans der ganzen Erde in Betracht ziehen und die so lange und ver-geblich erhoffte Verbesserung endlich vollziehen möge. Gerührt hörtendie Deputirten die Worte dessen an, der in diesem Augenblick das zu-gleich flehende und anklagende Judenthum verkörperte. Der PräsidentPreteau antwortete darauf, daß die Versammlung sich glücklich fühlenwürde, den Juden Frankreichs Ruhe und Glück verschaffen zu können-Die Versammlung begleitete seine Worte mit Beifall, gestattete denjüdischen Deputirten als Ehrengästen den Verhandlungen beizuwohnenund versprach die Gleichstellung der Juden in der nächsten Sitzung zuberathen^). Seit der Zeit hegten die französischen Juden die zuver-sichtliche Hoffnung, daß ihre Gleichstellung sich verwirklichen werde.Mose Ensheim, der jüdisch-französische Dichter, besang darauf in schönenhebräischen Versen die schöpferische, Gerechtigkeit und Menschlichkeitgründende Nationalversammlung und gab dem Hochgefühl der Judenüber die Erlebnisse in dieser so ereignißreichen Zeitepoche AusdruckInzwischen hatte die Revolution wieder einen Riesenfortschrittgemacht; das Volk hatte das so stolze französische Königthum wieeinen Gefangenen von Versailles nach Paris geführt. Des KönigsMacht war vollständig gebrochen, er mußte sich an die Nationalversamm-lung anlehnen, um nicht wie ein Rohr in diesem Sturme geknickt zuwerden. Auch die Deputirten siedelten nach Paris über, und die Haupt-stadt gerietst immer tiefer in die Aufregung revolutionärer Fiebergluthhinein. Die Jugend der Pariser Juden und der von Außen Ein-gewanderten nahmen den größten Antheil an allen Vorgängen. Auchdie Halbvermögenden legten Gaben auf den Altar des Vaterlandes,um der Finanznoth abzuhelfen. Salkind Hurwitz war als Dolmetschder orientalischen Sprachen an der königlichen Bibliothek angestellt undbezog dafür den geringen Gehalt von 900 Frank. Freiwillig leisteteer für immer Verzicht auf den vierten Theil seines Einkommens, ob-wohl die Nationalversammlung nur für ein Jahr den Abzug vonden Gehältern der Beamten angeordnet hatte, was ihm von den
1) Loniisnr das., p. 303 f. Sammler, Jahrg. 1790, x. 30 f.
2) Sammler, das., x. 33 f.