Die Judenfrage auf der National - Versammlung. 187
Die religiöse Unduldsamkeit zeigte sich selbst im Schooße derVersammlung. Am 23. August fand eine aufgeregte Sitzung statt.Es handelte sich darum, unter die unverletzbaren Menschenrechte,welche an die Spitze der Verfassung gestellt werden sollten, auch diereligiöse Gewissensfreiheit und die Freiheit des Cnltns aufzunehmen.Ein Dcputirter, de Castellane, hatte diesen Punkt scharf formulirt.„Kein Mensch soll wegen seiner religiösen Meinungen beunruhigt, nochin der Ausübung seines Kultus gestört werden." Gegen diese Fas-sung erhob sich ein Sturm von den Bänken der katholischen Geistlich-keit und anderer eingefleischter Katholiken. Sie sprachen immer voneiner herrschenden Religion oder Confession, welche, wie bis dahin,vom Staate getragen und gefördert werden sollte, während die andernBekenntnisse allenfalls nothdürftig geduldet werden sollten. Vergebenserhob Mirabeau seine Löwenstimme gegen diese Ueberhebung. „Dieunbeschränkte Religionsfreiheit ist in meinen Augen so heilig, daß dasWort Toleranz selbst mir gewissermaßen tyrannisch klingt, weil schondas Bestehen der Autorität, welche die Befugniß zu dulden hat, dieFreiheit beeinträchtigt, indem sie duldet, weil sie auch das Entgegen-gesetzte thun könnte." Aber seine sonst gewaltige Stimme wurde vomGegengeschrei übertönt. Nur die weisheitsvolle Rede eines anderenDeputaten, Rabant Saint Etienne, brachte die Gewissensfreiheitzum Siege. Er bemerkte, daß er eine Bevölkerung von einer halbenMillion Menschen vertrete, worunter sich 120 000 Protestanten be-fänden, und er könne nicht zngeben, daß diese von allen Aemtern undEhren ausgeschlossen werden sollten. „Es sei für immer verbannt,das Wort Intoleranz, dieses barbarische Wort möge nie mehr aus-gesprochen werden. Ich verlange aber nicht die Toleranz; diesesWort hat eine Nebenbedeutung, welche die Menschen entwürdigt, ichverlange Freiheit, welche ein und dieselbe für alle sein soll." Ererhob aber auch für die Inden seine Stimme. „Ich verlange die
Freiheit für das stets geächtete, heimathslose, auf dem ganzen Erd-kreis herumirrende, der Erniedrigung geweihte Volk der Juden. Ver-bannet für immer die Aristokratie der Gedanken, die Feudalität derMeinungen, welche über Andere herrschen und Anderen einen Zwangauflegen wollen." Unter starkem Widerspruch ging die Fassung durch,welche seitdem die Grundlage der europäischen Constitution gewordenist: „Niemand soll wegen seiner religiösen Meinungen behelligt werden,in so fern ihre Aeußerungen nicht die öffentliche, vom Gesetze ein-gesetzte Ordnung stören" ^).
*) Boniteur 1789, 1>. t86—189.