Schleiermacher, Schlegel, die Lucinde. 165
eigenen Ursprung. Sie wollte Gottes Odem in den geschichtlichenAuf- und Niedergängen erlauschen und hatte keine Ahnung von dergeschichtlichen Größe ihres eigenen Stammes. Sie verachtete ihn sosehr, daß sie es als die größte Schmach und das härteste Unglück be-trachtete, als Jüdin geboren zu sein. Erst in ihrer Todesstunde gingihr eine flimmernde Ahnung von der großen Bedeutung des Juden-thums und der Inden auf. „Mit erhabenem Entzücken denke ich anmeinen Ursprung und an den Zusammenhang der Geschichte, durchwelchen die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechtes mit derneuesten Lage der Dinge durch Zeit und Raumesfernen verbundensind. Ich, eine Flüchtige aus Egypten, bin hier und finde Hilfe.Was Zeit meines Lebens meine größte Schmach war, möchte ich jetztum keinen Preis missen" ^). Aber auch in dieser Stunde sah ihrGeist nicht klar, die Gedanken verwirrten sich in ihr, und sie ergingsich in Phantasien.
Diese geistbegabten jüdischen Sünderinnen thaten dem Juden-thum deu Gefallen, zum Christenthum überzutreten: MendelssohnsTöchter und Rahel ganz laut und offenkundig. Henriette Herz, diemehr auf Schein hielt, nahm dagegen die Taufe in einer kleinenStadt, um ihre jüdischen Freunde nicht zu kränken und erst nach demTode ihrer Mutter, zum Verdruß ihres Freundes Schleiermacher,welcher so gern mit ihrem Uebertritt in der größten Kathedrale BerlinsAufsehen gemacht hätte. Diese Sünderinnen wurden so zu sagenchristlich fromme, büßende Magdalenen. Lüsternheit ging damals Handin Hand mit christlicher Gläubigkeit und sogenannter Frömmigkeit.Zwei Freunde und Stubengenossen, die einander jeden Augenblick ihrevertraulichsten Gedanke» und Stimmungen mittheilten — ein Verhältniß,das ihre Bekannten „eine Ehe" nannten — Schlegel und Schleier-macher, haben zu gleicher Zeit zwei Geburten in die Welt gesetzt,der eine einen unzüchtigen Roman, voll von wollüstigen, nnfläthigenPhantasien, der andere ein neuchristliches Evangelium, voll von luftigenPhantastereien. Die „Lucinde" von Schlegel und die „Redenüber die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern"von Schleiermacher sind Zwillingsschriften ^). Hier wie dort wirdvon einem unbestimmten nebelhaften Gefühl ausgegangen, das insWeite greift und eine Wolke umarmt. Für Schlegel ist „die Hin-gebung des Menschen an das Allgemeine, Unendliche, das sich Erregen-lassen — Liebe, und für Schleiermacher ist fast eben dasselbe —Religion. Schleiermachers Religivnssystem ist ein unnatürliches
Varnhagen, Andenken an Rahel, I, S. 43.
-) Beide erschienen Berlin 1798.