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Geschichte der Juden.
zuerst den Goethe-Kultus ein. Den einen Vorzug hatte sie vor ihrensündhaften jüdischen Schwestern, daß sie wahrhaft war und keineMaske trug. Aber um so greller trat ihre innere Verdorbenheitans Licht. Obwohl sie eine außerordentlich tiefe Menschenkenntnißbesaß und sich auch viel darauf zu Gute that, fühlte sie sich doch mitdem bodenlosen Wüstling Gentz geistesverwandt und immer und immerwieder zu ihm hingezogen bei allen Wandlungen, die er durchgemachthat, von dem Entwenden eines Diamantringes vom Finger einerDame in cokettem Spiel*) bis zur Hilfsleistung, die Volksfreiheiteuzu unterdrücken, von seinen geschlechtlichen Unfläthigkeiten zu schweigen.Rahel fühlte sich auch geistesverwandt mit der verworfenen BuhlerinPauline von Cesar, auf kurze Zeit Pauline von Wiesel. Mitihr, welcher jeder Mann von Anstand und noch mehr jede auch nuräußerlich ehrbare Frau aus dem Wege ging, blieb Rahel bis zuihrem Tode in Seelengemeinschaft. Rahel beneidete und bewundertedie Sünderin um ihre Freiheit und tadelte sich, daß sie nicht denMuth gehabt habe, ebenso zu sündigen^). Als Rahel zuerst denheldenhaften, aber ausschweifenden Prinzen Louis Ferdinand kennenlernte, nahm sie sich vor, ihn „Dachstuben-Wahrheit" hören zu lassenaber sie lernte weit eher von ihm Palast-Thorheiten. Sie, damalsnoch Jungfrau, gab sich zur Kupplerin zwischen ihm und der ausge-lassenen Pauline Wiesel her. Weil sie keine Gegenliebe fand, indemdie Männer sie wegen ihrer winzigen Gestalt bald als altkluges Kind,bald als greise Sibylle betrachteten, verzehrte sie sich in stillen Nei-gungen. Ihre Grundsätze über die Ehe, dieses heiligste Institut, dieKraft der Familien und Völker, waren die eines weinberauschtenWüstlings, die sie mit Gelassenheit und Kälte ihrem Gatten Varn-hageu von Ense vor ihrer Verheirathung als Glaubensbekenntnißablegte 2). Rahel Lewin, oder wie sie sich auch nannte Rahel Robert,in deren Adern talmudisches Blut floß, welches ihr einen so sprudelnden,beflügelten Geist gab, daß die Christen ihn eben deswegen als eineSeltenheit so sehr bewunderten, daß sie damit auf den Grund derDinge dringen, die Seele und ihre wechselnden Stimmungen disauf ihre letzten Regungen zu verfolgen vermöge, verkannte ihren
H S. H. Herz, Erinnerungen, S. 137.
2) S. aus Varnhagens Nachlaß, Rahels und Paulinens Korrespondenz,S. 280 und II. Anhang.
") Das. S. 306 an Pauline: „Ich bin völlig frei bei ihm (Varnhagen),sonst hätte ich nie heirathen können. Er denkt über die Ehe wie ich". Dazufehlt noch ein Zusatz, den die Herausgeberin aus Schamgefühl unterdrückt hat:„Und wie ich über die Ehe denke, wissen Sie".