Dorothea Mendelssohn nnd Rahel Lewin. 163
dieser Zeit erschien Schlegels schmutziger Roman, die Lucinde. DieBekannten fanden darin das unfläthige Verhältniß zwischen dem Ver-fasser und der Ehebrecherin geschildert, und seine Feinde brachen den Stabüber ihn; so wurde Mendelssohns ehrwürdiger Name mit in den Koth ge-zogen. Doktor Herz verbot seiner Frau den Umgang mit dieser Ver-worfenen. Aber sie, die selbst in Gedanken eine Ehebrecherin war,hatte den eigenen Muth, ihrem Manne zu erklären: sie wolle ihreFreundin nicht verlassen. Schleiermacher, der Prediger, nahm ebensowenig Anstoß an diesem unzüchtigen Verhältnis). Bald folgte Dorotheaihrem romantischen Verführer von Thorheit zu Thorheit. ließ sich zu-erst protestantisch taufen, und trat zuletzt mit ihm zum Katholicismusüber, weil er in diesem Bekenntniß mehr Vortheile zu erringen hoffte.Es war ein bejammernswerther Anblick, wie Mendelssohns Tochterdem Papste den Fußkuß darbrachte 2 ). Sie wurde dafür schnell genuggezüchtigt. Sie mußte mit ihm in Noth ein Wanderleben führen,wurde von seinen Verwandten verächtlich behandelt, von mancher Seiteals verworfene Jüdin angesehen^) und erkannte nur zu bald in ihremIdeal einen alltäglichen Egoisten. Ihr betrogener nnd verschmähterjüdischer Gatte mußte ihr sein Mitleid zuwenden, um sie vor Hungerund Elend zu schützen. Nachdem Schlegel das Weib seines Gast-freundes entführt hatte, lebte er von den Almosen des beleidigtenGatten. Die jüngere Schwester Henr.iette Mendelssohn, warnicht schön genug, um die Wollüstlinge des Salons zu fesseln. Esgenügt, ihre Gesinnung zu charakteristren, daß sie ebenfalls dem Katho-licismus znflog. Lebensüberdruß war die Folge dieser innern Zer-rüttung^).
Und Rahel Lewin? Sie war zu klug, um an dem Tandspieldes Tugendbundes Theil zu nehmen. Sie wollte ihren eigenen Weggehen. Aber ihre Klugheit und ihr durchdringender Geist bewahrtensie nicht vor der Verpestung der Unsittlichkeit, welche die vornehme,christliche Welt damals aushauchte. Der Verführer dieser „kleinenFrau mit der großen Seele" (wie man sie nannte) war Goethe. SeinePoesie und Lebensweisheit, seine heidnische Gedankenwelt war fürRahel eine Bibel, die sie auswendig lernte, anwendete, zur Richtschnurihres Lebens nahm, und mit der sie ihr Blut in Wallung setzte. Sie führte
st H. Herz, Erinnerungen, S. III.
2 ) Aus Schleicrmachers Leben in Briefen I, S. 2S4.
°) H. Herz a. a O. S. II3. Varnhagen, Gallerie von Bildnissen I, S. 233.(Vgl. übrigens Haym, die romantische Schule, S. 663 s. Hensel, die FamilieMendelssohn I, 42 f.)
ch Varnhagen das. 65 und öfter. (Vgl. Hensel, a. a. O. S. SO—71.)
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