Friedländer's Sendschreiben.
159
seine Kinder drängten sich ohne Bedingung und ohne Phrase zur Taufe.Sein Sendschreiben machte indeß mehr Aufsehen als es verdiente.Es erschienen mehrere Flugblätter darüber*), von christlicher Seite,lobend und tadelnd je nach dem Gesichtspunkte der Betrachtenden.Tiefere Naturen wie Schlciermacher, so sehr sie auch das Christenthumüberschätzten, sahen in dieser Schrift einen Verrath am Judenthumund eine Jnconsequenz. Ohne Ahnung, wer der Urheber war, riefSchleiermacher aus: „Wie tief verwundet muß besonders der trefflicheFriedländer sein! Ich bin begierig darauf, ob er nicht seine Stimmegegen diesen Verrath an der besseren Sache erheben wird, er, einlichterer Anhänger Mendelssohns, als dieser hier!"^). Selbst gläubigeChristen empfanden es schmerzlich, daß die glorreiche Geschichte desältesten Volkes, des Gottesvolkes in ein Afterchristenthum einmündensollteb). Andere Frommgläubige riefen aus: „Macht die Thore weitauf, damit ganz Israel in die Kirche einziehe." Noch andere be-trachteten es als Zeichen der Zeit, als einen Akt der Verbrüderungder Juden und Freidenker über die Köpfe der Religion und Priesterhinweg. Die Juden schwiegen zu dieser Friedläuderschen Thorheit,und das war das Klügste.
Wenn deutsche Juden, namentlich die Berliner, durch nahe Be-rührung mit den christlichen Gesellschaftskreisen und durch Theilnahme
9 Soviel mir bekannt, sind folgende darüber erschienen: 1) An einigeHausväter jüd. Religion, über die vorgeschlagene Verbindung mit protestantischenChristen von einem Prediger in Berlin, zwei Hefte, das erste Heft vollendetBerlin Mai 1799. 2) Beantwortung des an Herrn Probst Teller erlassenenSendschreibens, nicht von Teller. Berlin 1799. 3) ü. L.. äs Vuo, lsbtrs unxautsurs sniks ä'nu memoire aäreess ä Nr. Keller (auch Deutsch) Berlin 1799.4) Ueber das Sendschreiben einiger Hausväter jüd. Religion an ... . Teller,und dis von demselben ertheilte Antwort. Leipzig 1799. 5) Zwei Relationendes ersten Eindruckes, den das neulich erschienene an Teller gerichtete Send-schreiben auf das Publikum machte. 6) Ideen zur Metamorphosirung derJuden, veranlaßt durch daS Sendschreiben jüd. Hausväter, der FrankfurterJuden-Gemeinde besonders zugeeiguet, Frankfurt 1799. — 7) Das vorzüglichstedieser Litteratur sind die anonym von Schleiermacher erschienenen: Briefebei Gelegenheit der politisch-theologischen Aufgabe und des Sendschreibens jüd.Hausväter, von einem Prediger außerhalb Berlins, Berlin 1799. 8) Gesprächüber das Sendschreiben rc. zwischen einem christlichen Theologen und einemalten Juden. Berlin 1799. 9) Johannes Boaneges, eine Begleitungs- undErmunterungsschrift für seine Zeitgenossen. Ein Beitrag zu den Ueberzeugungeneiniger Hausväter jüd. Religion in Berlin, von A. H. M. Kochen, vr. püil.Jena 1800. (Vgl. die genaueren und erschöpfenderen Angaben bei L. Geiger,Zeit-schrift f. d. Gesch. d. Juden in Deutschland IV, S. 57—61.)
2) Schleiermacher das. S. 12.
°) Vs Vue in Vsttrs änx auteurs eto.