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11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
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Friedländer's Sendschreiben an Teller. 157

er einen Anlauf, sich von der jüdischen Gemeinschaft losznmachen undin das feindliche Lager überzugehen. Er war ein guter Familien-vater, ein ehrlicher Kaufmann, ein gemeinnütziger Spender, aber einephilisterhafte, beschränkte Natur. Er kaute nur anderer Gedankenwieder und plapperte Stichwörter nach. Im Grunde hatte er nichteinmal für die hebräische Poesie ein tiefes Verständniß, so viel erauch aus der Bibel übersetzte und hebräische Verse schmiedete, undnoch weniger für den erhabenen Gang der jüdischen Geschichte. Mitdem praktischen Judenthum hatte er gebrochen und sich einige vonMendelssohn erborgte Gedankenlappen zusammengeflickt: von dem Voll-kommenheitsstreben, von der Glückseligkeit, als Ziel der Religion, undvon ewigen und geschichtlichen Wahrheiten. Diese Gedankenlappen,die er bei jeder Gelegenheit zum Vorschein brachte, galten ihm alsgeläuterte Religion, und er dünkte sich darum unendlich vorgeschritten.Und doch wollte der Staat ihn und seine Gesinnungsgenossen nichtals Vollbürger anerkennen! Er hatte für sich und die ganze Fried -ländersche Familie um eine ausnahmsweise Naturalisation mit allenRechten und Pflichten nachgesucht'), sie aber nicht erlangt. Dasschmerzte ihn. Anstatt sich in Ahnenstolz und Duldergröße zu hüllen,an sich und seinen Stammgenossen zu arbeiten, um die hochmüthige,christliche Welt zu überflügeln, geizte auch er nach der Ehre, sich ihranzuschmiegen. Friedländer wollte aber diesen Schritt zur Fahnenfluchtweder allein, noch unbedingt thnn. Er verband sich daher mit einigengleichgesinnten Familienvätern, wahrscheinlich von der Familie Jtzig,richtete mit ihnen gemeinschaftlich ein Sendschreiben an den mit Judenverkehrenden Oberconsistorialrath Teller und zeigte ihm ihre Geneigt-heit zum Uebertritt, sogar zur Annahme der Taufe an, jedoch untereiner Bedingung: Es möge ihnen der Glaube an Jesus und die Be-theiligung am Kirchenbesuche erlassen werden oder ihnen wenigstensgestattet sein, die christlichen Glaubensartikel auf ihre Weise zu deuten,weil sie den Kirchenglauben nicht theilen könnten und nicht heuchelnmöchten. Ein ebenso alberner wie ehrloser Schritt! In seinem Kopfespiegelte sich die Welt eben verkehrt ab. Er war im Wahne, weileinige Freidenker unter den Christen über Gott spotteten, hätten sieauch Jesus uud das Christenthum überhaupt aufgegebcn. Im Christen-thum, namentlich im Protestantismus, erblickte er andererseits einlauteres Ideal, weil es sich in schimmerndem Gewände, in glänzen-den Formen, in blendendem Scheine bewegte; im Judenthum dagegensah er nur ein Zerrbild, weil es in Knechtsgestalt einherschlich, noch

') Friedländer, Aktenstücke S. 48 Beil. L.