Druckschrift 
11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
Entstehung
Seite
140
Einzelbild herunterladen
 

140

Geschichte der Juden.

zurückgezogen in ihren vier Pfählen oder hatten nur für Vorkommnissedes Familienkreises Sinn. Ganz anders die Juden Berlins. SieAlle oder doch die meisten von ihnen hatten wenigstens bis zu ihremMannesalter sich mehr oder weniger mit dem Talmud beschäftigt, ihreGeisteskräfte waren geweckt und für neue Elemente empfänglich. Dieseneuen Bildungselemente hatte ihnen Mendelssohn mit seiner Bibel-übersetzung und seinen philosophischen und ästhetischen Schriften dar-gereicht. Kenntnisse verliehen damals in jüdischen Kreisen Auszeichnung,fast noch mehr als Reichthum; der unwissende Reiche war dem Gespötteausgesetzt. Jeder nur einigermaßen vermögende Jude setzte einen Stolzdarein, eine Sammlung alter und neuer Bücher zu besitzen und, womöglich, auch den Inhalt zu kennen, nm in der geflügelten Unter-haltung nicht aus Unwissenheit zurückzustehen. Jeder kundige Judelebte in zwei Welten, in der Geschäftswelt und in der Bücherwelt.Die jüdische Litteratur weckte den Geist, spornte und stachelte ihn,selbstthätig zu sein und hatte eher den Fehler, ihn allzu fein undspitzfindig zu machen als den entgegengesetzten, ihn in Dusel einzu-schläfern. Es war eine alltägliche Erscheinung, daß der jüdische Kaufmannoder Handelsmann sich am Tage mit dem Mammon und bei Nachtoder an geschäftslosen Tagen mit der Litteratur beschäftigte. In Folgeder Mendelssohn'schen Anregung warf sich das jüngere Geschlecht auchauf die schönen Wissenschaften, auf Sprachkenntniß und Philosophie. DerInhalt hatte gewechselt, die Form und der Wissenstrieb war geblieben,oder hatte sich noch gesteigert. Die Berliner Judeuheit beherbergtekurz nach Mendelssohns Tod mehr denn Hundert junge Männer,welche von Eifer für Wissen und Bildung erglüht waren ^), ausderen Reihe die Mitarbeiter an der Zeitschriftder Sammler" her-vorgegangen sind.

Zu diesem aus der innern Entwicklung ausgebildeten Hang zumWissen kam eine Mode-Thorheit hinzu. Durch Friedrich den Großenwar die geistvolle französische Litteratur in Preußen eingebürgertworden, und die Juden fühlten sich am meisten von dem sprudelndenfranzösischen Witz angezogen. Für geistreiche Wendungen hatten sievon jeher viel Empfänglichkeit. Der talmudische Witz lief so zu sagendem französischen entgegen und umarmte ihn als einen Geistesver-wandten. Voltaire hatte in den Zelten Jakobs mehr Bewundererals in deutschen Häusern. Die jüdische Jugend warf sich mit Heiß-

st Das Verzeichniß der Mitglieder der Gesellschaft der Freunde, von denendie meisten in Berlin lebten, bei Lesser, Chronik der Gesellsch. der Freunde,S. 17 s.