114
Geschichte der Juden.
wich der Liadier von den Mizriczern und Karlinern ab. Er stelltedas geräuschvolle Beten ab und pflegte wieder Talmudstudium undKabbala. Seine Anhänger wurden die Ljubawizer, auch Lacho-wizer oder Chabads genannt^, die wenigstens die Unwissenheitnicht zur Tugend stempeln. Aber auch der Liadier betrachtete dasHineinblicken in eine Schrift, die nicht mit hebräischen Buchstaben ge-schrieben ist, für eine Befleckung der Seele und wußte diesen Unsinnmit kabbalistischen Floskeln zu belegen; dagegen rügte er die Sucht,den Zaddik als Orakel für Geschäftsnnternehmungen zu befragen.
So erstarkt waren die Chaßidäer wieder, daß sie zum zweitenMale in den Bann gelegt werden mußten. Auch diesmal ging dieVerfolgung gegen sie von Wilna und von Elia Wilna aus. DieVeranlassung war, daß Jakob Joseph Kohen seine chaßidäischenund rabbinenfeindlichen Predigten drucke» ließ (1780), die in dengroßen Gemeinden Verbreitung fanden. Um dem Weitergreifen diesesWahnes zu begegnen, wurden die Chaßidäer für Ketzer erklärt, mitdenen sich kein frommer Jude verschwägern dürfe (Sommer 1781).Von Wilna aus wurden zwei Sendboten nach den litthauischen Gemeindenabgeordnet, um sie anzuspornen, sich dem Banne anzuschließen. InBrody und Krakau wurden in Folge dessen die chaßidäische Predigt-sammlung und andere Schriften, obwohl sie Verse aus der heiligenSchrift enthielten, öffentlich verbrannt. In Selvia (unweit Slonim)wurde zur Messezeit in Gegenwart sehr vieler Juden der Bann gegendie Chaßidäer und ihre Schriften öffentlich verkündigt (21. Aug. 1781);doch diese verbrauchten Mittel schlugen wenig an. In den österreichisch-polnischen Provinzen (Galizien) wurden von den Jüngern der Mendels-sohnischen Schule andere Mittel gegen das Verdummungssystem derChaßidäer angewendet. Josephs II. Dekret, daß in allen jüdischenGemeinden Schulen für den Unterricht in der deutschen Sprache undin den Elementargegenständen errichtet werden sollte, stieß auf ge-waltigen Widerstand von Seiten fast sämmtlicher Juden und nochmehr der Chaßidäer. Um so mehr Eifer entwickelten dafür die wenigenBewunderer Mendelssohns, welche die Verkümmerung und Verwilderungdurch Culturmittel heilen zu können vermeinten. Am eifrigsten wirktefür Aufklärung der galizischen Juden Alexander Kaller in Brody,welcher einen begabten Jüngling, Bär Günzburg, unterstützte, damiter ein Apostel für Cultnr und Wissenschaft in Galizien werden könne.Kaller und seine Gesinnungsgenossen erwirkten wahrscheinlich vomWiener Hofe ein Dekret, daß chaßidäische und überhaupt kabbalistische
fl Akrostich der hebräischen Wörter: n-"» nn^'n.