Die chaßidäischen Rabbis.
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ordming, daß die Chaßidäer keine Schrift lesen oder auch nur an-blicken dürften, die nicht von ihnen gebilligt worden ist. Der Gehorsamgegen die Obern wurzelte bereits so tief in den Gemüthern der Chaßidäer,daß sie dieses Verbot nicht übertraten. Die Häupter lieferten ihnendafür ihre Predigten oder Spruchsammlnngen angeblich von IsraelBaal-Schem oder Beer Mizricz, welche sich um die hohe Bedeutungdes Zaddik, Wichtigkeit des chaßidäischen Lebens und Verachtung derTalmudisten drehten, — abgeschmackte Schriften, die dennoch von denin stetem Rausche erhaltenen Mitgliedern mit Bewunderung gelesenwurden. Was früher Belieben und bloßer Einfall war, das wurdedurch solche Schriften zur Satzung und zum strengen Gesetz erhoben.
Zwei Häupter haben nach Beers Tod zur Hebung des Chaßi-däerthums beigetragen, der Eine durch maßlose Schwärmerei, derAndere durch Gelehrsamkeit, weil beide dem Schwindel entsagten:Israel von Kozieuiza (nördlich von Radom) und Salman vonLiadi, beide aus dem Jüngerkreise des Mizriczers. Der Erstere,unter dem Namen Kozienizer Maggid (1773—1815) bekannt, warhalb toll und wußte, ein jüdischer Capistrano, durch seine ungeschminktechaßidäische Frömmigkeit und seine schwärmerischen Predigten seineZuhörer bis zu rasender Begeisterung Hinzureißen. Es versteht sichvon selbst, daß er auch Heilkuren augewendet hat. Die Gläubigenwaren von der Ueberzeugung durchdrungen, daß sein Wort undsein Gebet alles Uebel und alle Gefahren beschwören, alles Geheimean's Licht ziehen könne. Schaarenweise strömten die Chaßidäer vonweit und breit zu seinem Aufenthaltsorte, und die es nicht waren,bekehrten sich zu seiner Lehre. Selbst Christen wendeten sich an denangeblichen Wunderthäter und glaubten an seine Macht. Er wurdemit Gaben und Geschenken überschüttet. Israel Kozieniz soll aberso selbstlos gewesen sein, wenig davon für sich zu behalten, sondernAlles unter die Dürftigen zu vertheilen. — Schneor Salman vonLiadi (geb. in Lozuo, unweit Witebsk 1751, starb 1813 ^), derLiadier schlechtweg genannt, zeichnete sich eben so sehr durch tal-mudische und kabbalistische Gelehrsamkeit wie durch chaßidäische Fröm-migkeit aus. Er soll, auf einer Auswanderung nach Palästina be-griffen, eine Stimme vernommen haben, die ihn bedeutete, in Polenzu bleiben und dort das Amt eines Oberen zu übernehmen. Er machteein Städtchen Ljubawice (in der Nähe seines Geburtsortes) zumMittelpunkte von Gemeindegruppen. Die Chaßidäer zogen kleine Städtevor, um ihr Wesen ungestörter treiben zu können. In einigen Punkten
st (Heber seine letzten Erlebnisse und seinen Tod vergl. die Mittheilungenbei Jellinek, 2. Aufl., Wien 1893, S. 37 f.)
Graetz, Geschichte der Juden. XI. 8