Druckschrift 
11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
Entstehung
Seite
96
Einzelbild herunterladen
 

96

Geschichte der Juden.

In Polen lebte und webte die Phantasie in Juden und Christen imAußerordentlichen und Außergewöhnlichen wie in einem natürlichenElemente. Israel glaubte steif und fest an seine in dem aufgeregtenZustande seiner Seele und seines Körpers geschauten Gesichte, erglaubte an die Macht seines Gebetes. In diesem Wahn «erstieg ersich zu der lästerlichen Aeußerung, das Gebet sei eine Art ehelicherVerbindung sLiwaZ) des Menschen mit der Gottheit (Lalisolliiia,),und darum müsse es unter Erregung vor sich gehen. Mit der angeblichhöheren Kunde von geheimen Heilmitteln und von der Geisterweltausgerüstet, die er in der Einsamkeit durch göttliche Gnadenspendenerlangt zu haben glaubte, begab sich Israel in die Gesellschaft, umseine höhere Begabung zu bethätigen. Es muß rühmend von ihmanerkannt werden, daß er sie nicht mißbrauchte, um ein Geschäftdaraus zu machen und seine Lebensexistenz darauf zu gründen. Ertrieb anfangs das niedrige Gewerbe eines Fuhrmanns, machte späterPferdegeschäfte und pachtete hin und wieder, zu größeren Mittelngelangt, eine Dorfschänke.

Dauernd ließ er sich in Miedziboz, einem Städtchen in Podoliennieder. Gelegentlich wendete er auf Verlangen seine Wunderkuren anund erlangte dadurch einen so großen Ruf, daß er selbst von PolnischenEdelleuten zu Rathe gezogen wurde. Auffallend wurde er den Leutendurch sein geräuschvolles, rasendes Beten, das ihn auch so verklärt habenmochte, daß sie in ihm den Fuhrmann oder den Roßtäuscher nichtwieder erkannten. Bewundert wurde er durch seine Entdeckung inGeheimniß gehüllter Dinge. In Polen hielten nicht bloß Ungelehrteund nicht bloß Juden solche Gaben und Wunder für möglich. DieJesuiten und die Kabbalisten hatten Christen und Inden dieses Landesin gleicher Weise dumm gemacht, und in den Zustand urweltlicherBarbarei versetzt.

Beseht zeichnete sich weder durch tiefe Talmudkenntniffe, nochdurch Einsicht in die Kabbala aus; er galt vielmehr als ein voll-ständig Unkundiger in diesen Fächern und ließ diese Meinung von sichbestehen, obwohl er durchaus nicht so sehr unwissend war. In Polen,wo die Luft in den jüdischen Stadtvierteln, so zu sagen, talmudischund kabbalistisch geschwängert war, gehörte für einen Mann, der nichtganz stumpfsinnig war, nicht sehr viel dazu, sich diese Kenntnisse ober-flächlich anzueignen, und die Sprache des Talmud und des Soharreden zu können. Gerade weil Beseht nicht zum Rabbinerstaude ge-hörte und nicht einer kabbalistischen Schule angehörte, wurde er, wennseine Kuren scheinbar anschlugen und seine Prophezeiungen eintrafen,für einen Wunderthäter gehalten. Ein Umstand machte ihn besonders