Drittes Kapitel.
Das neue Chaßidäerthum.
Vernunft und Mystik im Bunde. Israel Baalschem, sein Lebensgang, lärmen-des Leben und Wunderthuerei. Ankampf gegen die Rabbinern Beer Miz-ricz, sein Hochmuth und seine Schwindelei. Auflösung der Vier-Länder-Synode. Kosakengemetzel in Polen. Elia Wilna, sein Charakter undseine Studienart. Die Mizriczer und Karliner Chaßidäer. Strenges Ver-fahren gegen sie in Wilna. Beer Mizricz' Tod. Seine Nachfolger. DerKozeniezer Maggid und Schneor Salman von Liadi. Die Lachowizer,Ljubowizer oder Chabads. Neue Verfolgungen gegen die Chaßidäerhindern ihre Vermehrung nicht.
(1750 — 1786 .)
Sobald ein geschichtliches Werk seine Dienste gethan und eineWandelung erfahren soll, tauchen von verschiedenen Seiten neue Er-scheinungen auf und nehmen eine feindliche Haltung an, um es um-zuwandeln oder aufzulösen. Es war vorauszusehen, daß die durchMendelssohn angebahnte Verjüngung des jüdischen Stammes eineUmgestaltung und Zersetzung der religiösen Lebensformen innerhalbder Judenheit herbeiführen würde. Die Neuerungssüchtigen haben esgewünscht, gehofft und erstrebt, die Altfrommen geahnt und gefürchtet.Dieser Auflösungsproceß wurde auch auf einem andern Wege, auf einemandern Schauplatze unter ganz andern Bedingnissen und mit andernMitteln eingeleitet, und das war nicht vorauszuseheu. Es entstandin Polen ein neues Essäerthum, mit gleichen Formen wie das alte,mit Waschungen und Baden, mit weißen Kleidern, Wunderheilungen,prophetischen Träumereien. Es ging wie das alte aus dem Schooßeder Ueberfrömmigkeit hervor, richtete sich aber bald gegen die eigeneMutter und birgt vielleicht Keime eigener Art in seinem Schooße, die,weil sie noch im Entfalten begriffen sind, nicht bezeichnet werden können.Es klingt sonderbar, daß zur selben Zeit, als Mendelssohn das ver-nünftige Denken für das Wesen des Judenthums erklärte und, so zusagen, einen weit verbreiteten Orden von Aufgeklärten stiftete, eineFahne aufgepflanzt wurde, welche den craffesten Wahnglauben als