Wessely, der stets vom Glücke Verlassene, sah noch mit thronendenAugen diesen Verfall. Mendelssohn aber, der Glückliche, blieb vondiesem Schmerze verschont. Der Tod rief ihn zur rechten Zeit ab,ehe er gewahr wurde, daß sein eigener Kreis, ja seine eigenen Töchterdas mit verächtlichem Spotte behandelten und wegwarfen, was erals das Heiligste im Herzen trug, und was er so sehr zu verherr-lichen strebte. Hätte er zehn Jahre länger gelebt, so hätte ihmvielleicht seine Weisheit selbst nicht über diesen Schmerz hinweghelfenkönnen. Er, der ohne eine Spur von Romantik, ein ideales Lebenführte, starb zur rechten Zeit ideal verklärt. Die Freundschaft unddie Philosophie, welche sein Leben gehoben und ihm Ruhm verliehenhatten, brachen ihm gewissermaßen das Herz. Als Mendelssohnsich anschickte, seinem unvergessenen Freunde ein Denkmal zu setzenund ihn den künftigen Geschlechtern in seiner wahren Größe zu zeigen,erfuhr er durch Jakobi, daß Lessing kurz vor seinem Tode sich ent-schieden der spinozistischen Philosophie zugeneigt hatte. „Lessing einSpinozist!" Das war für Mendelssohn ein Lanzenstich durch's Herz.Ihm war nichts so sehr zuwider als Spinozas pantheistisches System,welches den persönlichen Gott, Vorsehung, Unsterblichkeit, woranMendelssohns Herz mit allen seinen Fasern hing, rundweg in Abredestellte. Lessing sollte eine solche Ueberzeugung gehegt haben, und er,der Busenfreund, sollte so gar nichts davon gewußt haben! Es warzugleich Eifersucht ans den Freund, der Andern das Geheimniß seinesGeistes mitgetheilt haben sollte, das er ihm so sorgfältig verbarg, undeine tiefe Verstimmung, daß dieser sein Busenfreund nicht seine Ueber-zeugung getheilt haben sollte. Er ahnte, daß seine Philosophie, wennLessing sie mißfällig befunden haben sollte, als veraltet bei Seite ge-schoben werden würde. Sein ganzes Wesen stemmte sich dagegen.Diese Gedanken raubten ihm die Ruhe seiner letzten Lebensjahre,machten ihn leidenschaftlich, aufgeregt, fieberhaft. In seiner letztenphilosophischen Arbeit, den „Morgenstunden" (eigentlich Vorlesungenfür seinen Sohn, woran auch seine Töchter und andere jüdische undchristliche Jünglinge Theil nahmen), heuchelte er noch Ruhe. Aberbei der Ausarbeitung der Schrift zur Widerlegung Jakobis „an dieFreunde Lessing s" übermannte ihn die Aufregung so sehr, daß sieihm den Tod zuzog (4. Jan. 1786). Dieser gewissermaßen idealeTod für Freundschaft und Weisheit schloß sein Leben würdig ab undzeigte ihn der Nachwelt, wie er seinen zahlreichen Freunden und Ver-ehrern erschien, als einen Charakter von Aufrichtigkeit und Echtheit,an dem gar nichts Falsches und Erheucheltes war. Um den Mann,der vier Jahrzehnte vorher beklommenen Herzens an eines der Thore
Druckschrift
11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
Entstehung
Seite
91
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten