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Geschichte der Juden.
als Mendelssohn erwarten konnte. Statt sich zu vertheidigen, warer als Ankläger aufgetreten und hatte auf eine ebenso zarte, wienachdrückliche Weise die häßlichen Geschwüre der Kirche und derchristlichen Staatsverfassung aufgedeckt. Von zwei der stimmfähigstenVertreter des Zeitgeistes wurden Urtheile gefällt, die ihm und derSache, die er verfocht, nur schmeichelhaft sein konnten. Kant, derbereits seine Denkergröße bekundet hatte, schrieb ihm: Er habe Jeru-salem, den Scharfsinn, die Feinheit und Klugheit seiner Ausarbeitungmit Bewunderung gelesen. „Ich halte dies Buch für die Verkündigungeiner großen Reform, die nicht allein Ihre Nation, sondern auchandere treffen wird. Sie haben Ihre Religion mit einem solchenGrade von Gewissensfreiheit zu vereinigen gewußt, die man ihr garnicht zugetraut hätte, und dergleichen sich keine andere rühmen kann.Sie haben zugleich die Nothwendigkeit einer unbeschränkten Gewissens-freiheit in jeder Religion so gründlich und so hell vorgetragen, daßauch endlich die Kirche unsererseits darauf wird denken müssen, wiesie Alles, was das Gewissen belästigen und drücken kann, von derihrigen absondern, welches endlich die Menschen in Ansehung derwesentlichen Religionspunkte vereinigen mußZ." Michaelis, der ratio-nalistische Judenfeind, stand vor den kühnen Gedanken in „Jerusalem"wie verblüfft, verwirrt, beschämt. Das Judenthum, auf das er soverächtlich herabblickte, erhob mit Siegesmiene das Haupt. Der JudeMendelssohn, dem er nicht einen Heller angetraut hätte, steht da alsdie verleiblichte Gewissenhaftigkeit und Weisheit. Michaelis stotterteförmlich bei Beurtheilung der so merkwürdigen Schrift 2). Vielemmußte er zustimmen; Manches wurmte ihn innerlich, ohne daß er esüberzeugend abweisen konnte, namentlich die beiden Punkte: Daß eintheologisches Amt nicht besoldet werden dürfte, und daß aufgeklärteProtestanten es mit ihrem kirchlichen Amtseid auf die Glaubensartikelnicht so gewissenhaft nähmen. Was Michaelis dagegen einwendete,erscheint wahrhaft kindisch. So hat Mendelssohn immer ohne Selbst-antrieb, nur durch Umstände gedrängt, das Judenthum verherrlichtund die Schmach von seinem Volke abgeschüttelt. Inzwischen arbeiteteihm Dohm in die Hände. Er beleuchtete noch weiter das Judenthumim günstigsten Sinne und widerlegte alle die aufrichtigen und gehässigenEinwürfe dagegen; es war ihm eine eigene, selbständige Angelegenheitgeworden. Aber noch mehr als durch diese Schrift wirkte Dohm dadurch
Z Kants Brief an Mendelssohn <l. cl. 16. August 1783, in Kants sämmt-lichen Werken, ecl. Rosenkranz, 11. Th., erster Abschnitt, S. 16, auch angeführtvom Herausgeber von M. Ges. Schr. I, S. 31.
2 ) Orientalische und exegetische Bibliothek, T. 22, S. 59 f.