Druckschrift 
11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
Entstehung
Seite
77
Einzelbild herunterladen
 

Mendelssohns Philosophie.

7 /

ein nicht sehr gläubiger Christ, war zwar vom Gegentheil überzengt,wollte aber Mendelssohn reizen, sich noch schärfer gegen die Kirchen-gewalt des Christenthums ansznsprechen.

Zum zweitenmale war Mendelssohn gezwungen, aus seiner Zurück-haltung herauszntreten und sich über Religion auszusprechen. Er thates in der SchriftJerusalem" oderüber religiöse Macht undJudenthum" (Frühjahr 1783), deren Gediegenheit an Inhalt undForm ein Denkmal seines hohen Geistes ist. Viele seiner Gedankenhaben spätere Denker als nicht stichhaltig beseitigt; manches hatte nurin Mendelssohns eigenartiger Anschauung Grund und Werth. Aberdie Milde, welche über diese Schrift gehaucht ist, die Wärme seinerUeberzeugnng, der Freimuth seiner Aenßerung, der zugleich kindlich-naive und doch gedankentiefe Jdeengang, die Anmuth des Styles,welche auch trockene Gegenstände genießbar macht, Alles das gab dieserSchrift in den Augen der Zeitgenossen eine hohe Bedeutung und wirdihr stets einen Platz in der Litteratur sichern. Für jene Zeit brachtesie eine eigne Ueberraschnng hervor. Mau glaubte, er habe in Folgeseiner Auffassung von Religion mit dem Judenthume, wenn auch nichtgebrochen, so doch Vieles an demselben für bedeutungslos erklärt, undes zeigte sich im Gegentheil, daß er so ganz Jude war und auch nichtein Titelchen vom bestehenden Judenthume, dem rabbinischen wie biblischen,aufgeben mochte, ja, daß er ihm gerade eine hohe Berechtigung sichernwollte. Das lag allerdings in der Eigenart seiner Denkweise.

Mendelssohn hat von seiner Jugendgläubigkeit an bis in seineAltersreife sich eine feste Ueberzeugnng erhalten. Das Dasein einespersönlichen Gottes, der seine Milde und gerechte Vorsehung auf alleseine Creaturen ausdehnt, die Unsterblichkeit der Seele, Lohn undStrafe jenseits, Sittengesetz und allgemeine Menschenliebe als gebieterischeVernunftgebote standen in seinem Innern so fest, daß sie durch keinenoch so bündige philosophische Beweisführung vom Gegentheil er-schüttert werden konnten. Nur dadurch vermöge der Mensch seineGlückseligkeit hinieden wie Seligkeit jenseits zu erlangen. Er konntesich ein tugendhaftes Leben ohne den Begriff vom Dasein Gottes garnicht denken. Ohne jene, von allen Religionen anerkannten Grund-sätze sei Glückseligkeit ein Traum . . .Ohne Gott und Vorsehungund künftiges Leben ist Menschenliebe eine angeborene Schwachheitund Wohlwollen wenig mehr als eine Geckerei, die wir uns einandereinzuschwatzen suchen, damit der Thor sich placke, und der Kluge sichgütlich thue" Z. Freigeisterei, ihm gleich Gottlosigkeit klingend, erregte

U Jerusalem, Ges. Schr. III, S. 287.