Stimmen für und gegen die Emancipation. 71
auf die Juden die Träger der deutschen Schulweisheit, jene Zopfmänner,welche Religion, Kunst und Wissenschaft als eine Zunftsache ansahen,zu der kein Fremder zugelassen werden dürfe. Je mehr Gelehrsam-keit, desto mehr Wust, Dünkel und Unduldsamkeit. Ein Recensent derDohm'schen Schrift in einem vielgelesenen Blatte behauptete *) gerade-zu: die Juden seien unverbesserlich, und alle Reformvorschläge würdenan ihrer moralischen Dickhäutigkeit abprallen. Beweis: „Ihre Vor-fahren haben sich nach der Befreiung aus Egypten doch wieder nachden Fleischtöpfen Egyptens zurückgesehnt." Darum sollte man diespätesten Nachkommen in ihrer Zwangsjacke und ihrer Schmach lassenoder gar nach Asien zurückwerfen. Unter den Deutschen haben vonjeher die Gelehrten den grellsten Judenhaß gezeigt. Sie beharrten amfestesten bei dem verjährten Wahn gegen die Indens.
Diesen Wahn theilte oder überbot noch eine bedeutende wissen-schaftliche Autorität jener Zeit in Deutschland, der bereits ergrauteGöttinger Professor Johann David Michaelis (geb. 1717, starb1791). Sein Blick war zwar durch Reisen und Umschau in der Welterweitert, und er hatte sich von der Dumpfheit der lutherischen Theo-logie losgewunden. Michaelis war der erste Begründer der deutschenRationalistenschule unter den Theologen, welche die Wunder derheiligen Schrift und auch ihre Erhabenheit in natürliche, kindischeVorgänge auflöste. Durch sein „Mosaisches Recht", durch den Anbauder hebräischen Grammatik nnd der Schriftauslegung, namentlichdurch sein Tasten nach dem richtigen Sinn im hebräischen Textehatte er sich einen bedeutenden Namen erworben, obwohl seine ganzeGelehrsamkeit sich jetzt wie kindische Spielerei ausnimmt. AberMichaelis hatte gerade das rechte Maß von Unglauben und Glauben,um die Juden einerseits als Träger der geoffenbarten Religion undeiner wunderbaren Geschichte zu hassen und sie andererseits alsGegner des Christenthums zu verachten. Ein bei der französischenArmee angestellter Jude hatte einst bei seiner Anwesenheit in Göttingendie Professoren auf ihre knechtischen Bücklinge, die sie jedem Franzosenin tiefer Demuth machen zu müssen glaubten, kaum eines Gegengrußesgewürdigt. Das war Grund genug für Michaelis, die Juden sammtund sonders zu verabscheuen und von ihnen zu behaupten: daß sieeinen verächtlichen Charakter haben; der größte Theil derselben werdeunerträglich, sobald er zu Ehren komme; es gäbe zwar Ausnahmen,aber diese seien selten ^). So hatte Michaelis bereits mehrere Jahr-es Göttinger Gelehrten-Anzeiger 1781, Zugabe, Nr. 48.
2) M. machte schon diese Bemerkung im „Jerusalem", Ges. Schr. III, S. 384.
2) Recension der Dohm'schen Schrift in der orientalischen und exegetischenBibliothek. Th. lg, S. 7.