Druckschrift 
11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
Entstehung
Seite
53
Einzelbild herunterladen
 

Pintos Schrift gegen Voltaire.

53

gelehrten Inden, der sich flehentlich an ihn gewendet hatte, ließMendelssohn kluger Weise einen Trostbrief im Kerker zukommen, wo-durch jener die Freiheit erlangte. Isaak Pinto und Jakob Pereiradagegen wendeten allen Eifer an, um Stammes- und Religionsgenossenausweisen zu lassen, gerade das, was Mendelssohn für die Judenals härteste Strafe betrachtete*),gleichsam als Vertilgung von demErdboden Gottes, auf welchem das Vorurtheil sie von jeder Grenzemit gewaffneter Hand zurückweist".

Das harte Verfahren der Portugiesischen Juden gegen ihreBrüder in Bordeaux hatte Aufsehen gemacht. Wenn Juden nichtin Frankreich weilen durften, warum wurden denn die portugiesischRedenden geduldet? Die Letztem sahen sich daher genöthigt, sich inein günstigeres Licht zu stellen, und forderten Isaak Pinto, der schonöffentlich aufgetreten war und literarische Bildung besaß, durchPereira auf, eine Art Bertheidigungsschrift für sie anszuarbeiten undauf den weiten Abstand zwischen den jüdischen Bekennern portugiesischerZunge und denen aus anderen Gegenden aufmerksam zu machen.Pinto ließ sich dazu gebrauchen oder vielmehr folgte seinem eigenenAntriebe und knüpfte zu diesem Zwecke an Voltaires Verunglimpfungdes Judenthums und der Juden Betrachtungen (Roüsxious 1762)an. Er sagte diesem gesinnungslosen Ehrenräuber, daß das Laster,Einzelne zu verläumden, gesteigert erscheint, wenn die Verläumdungeine ganze Nation trifft, und den höchsten Grad erreicht, sobald siesich gegen die ohnehin von Allen Geschmähten richtet, sie sämmtlichfür das Vergehen Einzelner verantwortlich machen zu wollen, sie, diein Folge ihrer Zerstreuung den Charakter der Landesbewohner an-genommen haben. Ein englischer Jude gleiche so wenig seinemReligionsgenossen von Constantinopel, wie dieser einem chinesischenMandarinen; ein Jude von Bordeaux und einer von Metz scheinenzwei ganz verschiedene Wesen zu sein. Nichts desto weniger habe sieVoltaire in Bausch und Bogen verdammt und eine ebenso abscheuliche,wie unwahre Schilderung von ihnen entworfen. Er, der sich berufenfühle, die Vorurtheile auszurotten, habe gerade seine Feder demblindesten Vorurtheile geliehen. Er will sie zwar nicht verbranntwissen, aber eine große Zahl von Juden würde sich lieber verbrennenlassen, als solchen Verläumdungen ausgesetzt zu sein.Die Indensind nicht unwissender, nicht barbarischer, nicht abergläubischer als dieübrigen Nationen, und die Anschuldigung des Geizes verdienen sieam allerwenigsten". Voltaire sei den Juden, der Wahrheit, seinem

S. Mendelssohns ges. Schr. V, S. 544.