Voltaire.
49
that dabei, als wäre er der Betrogene. Es kam daher zu einemverwickelten Prozeß. König Friedrich, welcher Einsicht von den Aktenund einer, angeblich von Hirsch, im Grunde von Voltaires Feindenverfaßten Anklageschrift genommen hatte, war äußerst erzürnt über dendichterischen und philosophischen Schelm, kam nicht mit ihm zusammen,war entschlossen, ihn aus Preußen zn verbannen und schrieb gegenihn ein Lustspiel in französischen Versen: „Tantalus im Proceß".Voltaires Händel mit einem preußischen Juden machten Aufsehen undboten der Schadenfreude seiner Gegner reichen Stoff.
Rachegefühl war neben Geiz ein hervorragender Zug in seinemCharakter; es war, wie gesagt, Voltaire zu gering, sich an dem einzelnenJuden zu rächen, der zu seiner Demüthignng beigetragen hatte, dieganze jüdische Nation sollte seinen Haß empfinden. So oft er Ge-legenheit hatte, von Judenthum oder Juden zu sprechen, begeiferte ermit seiner unfläthigen Satyre gleichzeitig das jüdische Alterthum unddie Juden der Gegenwart. Es Paßte auch zu seiner Kampfesart. DasChristenthum, das er gründlich haßte und verachtete, konnte er nichtgar zu offen angreifeu, ohne sich schwerer Strafe auszusetzen. Sodiente ihm das Judenthum, der Erzeuger des Christenthums, zurZielscheibe, gegen die er seine leicht beschwingten, zierlichen, aber umso giftiger wirkenden Pfeile schleuderte. In einem Artikel hatte erbesonders seine Galle über Juden und Judenthum ausgegossen.
Diese parteiische und oberflächliche Beurtheilung der Juden, diesesStabbrechen über ein ganzes Volk und eine tausendjährige Geschichteempörte viele wahrheitsliebende Männer; aber Niemand wagte es, miteinem so gefürchteten Gegner wie Voltaire anzubinden. Es gehörteeine Art Wagniß dazu, und diesem unterzog sich ein gebildeter Jude,Isaak Pinto, mehr aus einer Art kluger Berechnung, als aus Un-willen über diese bodenlose Verunglimpfung. Pinto (geb. in Bordeaux1715, starb in Amsterdam 1787 von portngiesisch-marranischem Ge-schlecht, reich, gebildet, edel und uneigennützig in seinen eigenen Ver-hältnissen, litt an einem verzeihlichen Egoismus, an Genossenschafts-Egoismus. Er war von Bordeaux nach Amsterdam übergesiedelt,hatte nicht nur der portugiesischen Gemeinde wesentliche Dienste ge-leistet, sondern auch dem holländischen Staate bedeutende Summenvorgeschossen und nahm daher eine ehrenvolle Stellung ein. Er nahmnach wie vor innigen Antheil an der Gemeinde, wo seine Wiege ge-standen und sprang ihr mit Rath und That bei. Aber sein Herz
U S. öaarbosbsn kor Israeliten. Amsterdam 18S7, S. 151 f.; FrankelsMonatsschr. Jahrg. 1868, S. 204 f.
Graetz, Geschichte der Jude». XI.
4