Die frühe Beerdigung.
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sie, durch ein Schreiben von Mendelssohn (Mai 1772) zn erfahren,daß er ganz entschieden dem herzoglichen Erlasse beistimme, die Leichenvor dem dritten Tage nicht zu bestatten, weil nach den Erfahrungenbewährter Aerzte Fälle von Scheintod möglich seien, und man daherzur Rettung eines einzigen Menschenlebens sich über noch so bündigeBestimmungen im Religions-Codex hinwegsetzen dürfe nnd müsse!Zum Ueberfluß wies er nach, daß in den talmudischen Zeiten Vor-kehrungen zur Verhütung des grausigen Scheintodes getroffen wordxnseien. Sein Gutachten war rabbinisch uutadelhaft ausgearbeitet, bisauf einen Schnitzer, den er begangen hatte. Nichts desto wenigerschickte er ihnen, seiner friedliebenden gefälligen Natur treu, die Formeleines Gesuches an den Herzog um Milderung des Erlasses zu. Emdenstempelte aber in seinem orthodoxen Eifer diese streitige Frage fastzu einem Glaubensartikel. Ein so allgemeiner Brauch unter sämmt-lichen Inden, italienischen, portugiesischen, wie deutschen und polnischen,dürfe nicht so leichthin beseitigt werden. Auf das Gerede von Aerztensei nicht viel zu geben. Mendelssohns talmudische Beweise seiennicht stichhaltig. Emden gab in einem direkten Schreiben an ihn
deutlich zu verstehen, daß er ihn zu seinem eignen Besten znrechtweise,um den Verdacht lauer Gläubigkeit von ihm zu nehmen, dem er inFolge seines schlechten Umganges sich ansgesetzt habeZ. So entstandeine kleine Spannung zwischen Mendelssohn und den Stockorthodoxen,die sich später steigerte.
Inzwischen hatte sein Freund Lessiug am Vorabend seines Todesunbeabsichtigt einen Sturm in Deutschland erregt, der die Kathedraleerzittern machte und dabei in berechtigter Verstimmung und in künst-lerischem Drange Mendelssohn und mit ihm die Juden durch einevollendete poetische Schöpfung verklärte. Die erste Veranlassung zudiesem Sturm, der das Christenthum bis in sein Innerstes erschütterte,war Mendelssohns Streit mit Lavater. Lessiug war über die Sieges-gewißheit der Vertreter des kirchlichen Christeuthums so tief empört,daß er seinen jüdischen Freund zu mannhaftem Kampfe gegen dasselbemit allem Nachdruck ermuthigt hatte. „Sie allein dürfen und könnenin dieser Sache so schreiben und sprechen und sind daher unendlichglücklicher, als andere ehrliche Leute, die den Umsturz des abscheu-lichsten Gebäudes von Unsinn nicht anders, als unter dem Vorwände,es neu zu unterbauen, befördern können 2). Er ahnte damals nicht,daß er bereits einen Donnerkell in Händen hatte, und daß er bald in
9 Die Sendschreiben in dieser Beerdigungsfrage nebst dem Erlasse sindmitgetheilt in illeassek 1785, S. 155. 159 f., 178 f.
") Lessings Brief an Mendelssohn, ä. cl. 9. Jan. 1771. Ges. Schr. V, 189.