auf den phantastischen Einfall: Mendelssohn sei seiner angestammtenReligion ganz und gar entfremdet. Von einigen Berliner Indenglaubte Lavater zu wissen, daß ihnen das Judenthum gleichgültig ge-worden war, und er rechnete auch Mendelssohn ohne Weiteres zuihnen i). Dazu kam noch, daß Mendelssohn bei einer allerdingswiderwilligen Unterredung mit Lavater besonnen und ruhig über dasChristenthum geurtheilt und von Jesus mit einer gewissen Anerkennunggesprochen hatte, freilich mit der Einschränkung: „wenn Jesus vonNazareth nichts als ein tugendhafter Mensch hätte sein wollen." DieseAenßerung schien Lavater der Beginn des Durchbruches zur Gnadeund Gläubigkeit zu sein. Wie, wenn dieser große Mann, diese ver-körperte Weisheit, gleichgültig gegen das Judenthum geworden, fürdas Christenthum gewonnen werden könnte! Das war die Gedanken-verbindung, welche in Lavater beim Lesen des „Phädon" entstand. AusNaivität oder Schlauheit warf er ein Fangnetz gegen Mendelssohnaus und bewies gerade damit, wie sehr er dessen Grundcharakter ver-kannte. Ein Genfer Professor, Kaspar Bonnet, hatte damals eineschwache Apologie für das Christenthum „Untersuchung der Beweisefür das Christenthum gegen Ungläubige" französisch geschrieben; dieseübersetzte Lavater ins Deutsche und schickte der Uebersetzung eine plumpeWidmung an Mendelssohn voran, die wie eine Falle aussah (4. Sep-tember 1769). Er beschwor ihn dabei feierlich, die Bonnet'schenBeweise für das Christenthum ebenso öffentlich zu widerlegen, oderwofern er sie richtig fände, zu thun, „was Klugheit, Wahrheitsliebeund Redlichkeit thun hießen, was ein Sokrates gethan haben Würde,wenn er diese Schrift gelesen und unwiderleglich gefunden hätte".Hätte Lavater sich auf die Seelengeheimnisse verstanden, worauf ersich soviel zu gut that, so hätte er erkennen müssen, daß Mendelssohn,selbst wenn er dem Judenthum nicht mehr zugethan gewesen wäre,jedenfalls dem Christenthum noch viel mehr abgeneigt war, und daßKlugheit/ d. h. Rücksicht auf Vortheil und Gewinn für eine behaglicheLebensstellung, so ganz und gar nicht in dessen Charakter lag.Geradezu bloßstellen wollte Lavater ihn allerdings nicht, aber Lärmschlagen wollte er, ohne zu bedenken, wie weh er damit dem schüch-ternen Weisen von Berlin that.
Hinterher durfte Mendelssohn es Lavater Dank wissen, daßdieser ihn aus Unbesonnenheit oder frommer Schlauheit aus seinerSchüchternheit und Abgeschlossenheit herausgerissen hat. Mendels-sohn hatte seine Stellung zum Judenthum und zu seinen Stammes-
U Lavaters Brief I. in Ges. Schr. III, S. 84.