Druckschrift 
11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
Entstehung
Seite
17
Einzelbild herunterladen
 

Mendelssohns Phädon.

17

der Seele, dem nagenden Zweifel verfallen. Davon hing damalsnicht bloß die Ruhe der Menschen über ihr künftiges Sein, sondernauch die politische Moral ab. Ist die Seele sterblich und vergänglich,so dachte man im achtzehnten Jahrhundert, so ist das Thun desMenschen gleichgiltig! Ob gut oder bös, ob tugendhaft oder laster-haft, es gäbe jenseits des Grabes keine Vergeltung. So war dercivilisirte Theil der Menschheit nach dem langen Traum so vielerJahrhunderte wieder in die Trübseligkeit der römischen Gesellschaftzur Kaiserzeit zurückgefallen; er war ohne Gott, ohne Halt, ohnesittliche Freiheit, ohne Stachel für ein tugendhaftes Leben. DerMensch war zu einer verwickelten Maschine herabgesetzt.

Mendelssohn war ebenfalls in dem Gedanken befangen, daß dieWürde des Menschen niit der Unsterblichkeit der Seele steige undfalle. Darum unternahm er es, das den Gebildeten abhanden gekommeneGut wieder zu gewinnen, die verlorene Wahrheit gewissermaßenwieder zu entdecken, sie so sicher zu stellen, und die materialistischenAngriffe darauf so entschieden zu entwaffnen, daß der Sterbende ruhigeiner heitern Zukunft und seiner jenseitigen Glückseligkeit entgegensehenkönnte. Er arbeitete einen Dialog: Phädon oder dieUnsterblichkeitder Seele" aus. Es sollte ein Volksbuch, eine neue Heilslehre fürdie ungläubige oder zweifelnde Welt sein. Darum gab er seinemDialog einen gemeinverständlichen, anziehenden Styl, nach dem Musterdes gleichnamigem platonischen Dialogs, von dem er auch die äußereEinkleidung beibehielt. Mehr als die Form hatte ihm Plato nichtbieten können. Die griechische Weisheit hatte, wie jener neuhebräischeDichter treffend bemerkte,nur schöne Blüthen, aber keine Früchte"zur Hebung der Sittlichkeit gezeitigt. Der Stützpunkt des platonischenBeweises von der Unsterblichkeit der Seele beruht auf der Annahme,daß Wissen, Erkennen, Vergleichen, Unterscheiden, kurz die Seclen-thätigkeit nicht erworben werden könne, sondern nur das Anffrischenund Erinnern verblaßter Erkenntnisse sei. Kurz, die Seele habe schonvor ihrer Leibesverbindnng existirt, sei also einfacher, ewiger Naturdarum könne sie nicht untergehen. Diese platonische Weisheit warveraltet, und Mendelssohn konnte davon eben so wenig Gebrauchmachen, wie von Platos Phantasieen von einer schöneren, blühendenErde, wohin die Seelen nach ihrer Loslösung vom Körper flögen,und von dem Herumschweben sinnlicher Seelen au Gräbern, um eineWanderung durch Thierseeleu durchzumachen. Mendelssohn ließ viel-vielmehr seinen Sokrates durch den Mund des Jüngers Phädon diePhilosophie des achtzehnten Jahrhunderts auseinandersetzen.

Sein Ausgangspunkt zum Beweise für die Unsterblichkeit der

Graetz, Geschichte der Juden. XI. 2