Mendelssohns Kritik.
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werfenden Unterthänigkeit weit entfernt war. Er vereinigte solcher-gestalt in seinem Wesen so viele angeborene und schwer erworbeneEigenschaften, nm einen wohlthuenden Gegensatz zn dem Zerrbildeabzugeben, welches die deutschen wie die polnischen Inden damalsdarstellten. Ein einziger Sinn ging jedoch Mendelssohn ab — unddieser Mangel war für die nächste Zukunft des Judenthums vongroßem Nachtheil. Es fehlte ihm jedes Verständniß für die Geschichte,für den in der Nähe kleinlichen und in der Fernsicht großartigen,zugleich komischen und tragischen Gang des Menschengeschlechtes imVerlaufe der Zeiten. „Was weiß ich von Geschichte!", sprach er inhalb bescheidenem, halb verächtlichem Tone, „was nur den Namenvon Geschichte hat, Staatsgeschichte, Gelehrtengeschichte, hat mirniemals in den Kopf wollen". Er theilte diesen Mangel mit seinemBorbilde Maimnni und steckte damit gewissermaßen seine nächste Um-gebung an.,
Wenn nicht alle, so doch viele seiner glänzenden Eigenschaftenleuchteten aus Mendelssohns Augen und Gesichtszügen heraus undgewannen ihm um so mehr die Herzen, je weniger er auf Eroberungenausging. Man fing an, selbst am Hofe Friedrichs des Großen auf„diesen Juden" neugierig zn werden*), er wurde als Träger der.fleischgewordenen Weisheit angesehen. Der unerschrockene Lessing flößteauch ihm so viel Beherztheit ein, daß er es wagte, die poetischen Er-zeugnisse des Preußischen Königs in einer Zeitschrift (Briefe, dieneueste Litteratur betreffend) zu beurtheilen und seinen Tadel ein-fließen zu lassen (1760). Friedrich der Große, der Versemachen fürPoesie, wie Aburtheilen für Philosophie hielt, opferte den Musen inder höfischen Sprache von damals, verachtete die deutsche Sprache,welche damals mit echter Poesie schwanger ging, gründlich undspöttelte dabei über diejenigen Geistesgüter, welche gediegenen Denkernein heiliger Ernst waren. Mendelssohn, der Jude, fühlte sich vondiesem Deutschenhaß des Königs eben so verletzt wie von dessenFlitterweisheit. Da man aber den Königen nicht die Wahrheit sagendarf, so wußte er sehr geschickt aus der Posaune des Lobes einenzwar leisen Ton des Tadels nachhallen zu lassen, der aber für Kennervernehmbar genug war. ^zeder Vers beinah' ist ein Zug vomCharakter dieses Prinzen, und das Ganze ist das Portrait, worinseine große Seele, sein noch größeres Herz und seine Schwachheitselbst auf das natürlichste geschildert sind. Welcher Verlust für unsereMuttersprache, daß sich dieser Fürst die französische geläufiger gemacht!
st Lessings Brief an Mendelssohn ä. cl. 8. Decbr. 1755. Ges. Schr. V, S. lk.