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Geschichte der Juden.
lassen, fuhr den blassen, kränklichen Knaben, der Einlaß begehrte,barsch an. Zum Glücke konnte er schüchtern die Worte herausstottern,daß er sich unter dem neuen Rabbiner Berlins zum Talmndjüngerausbilden wolle Z. Das war eine Art Empfehlung und machte dengefüllten Beutel so ziemlich entbehrlich. Mendelssohn wurde eingelassenund richtete seine Schritte zum Hause des Rabbinen, der sein Lands-mann und Lehrer war. David Frankel (geb. um 1707, starb 1762),aus der geachteten Familie Mirels in Wien, der Stammvater edlerNachkommen, war zwar ebenso einseitig talmudisch gelehrt, wie sämmt-liche Rabbinen seiner Zeit; aber er hatte sich auf ein Gebiet geworfen,welches bis dahin sehr vernachlässigt war und ihm daher Gelegenheitgab, seinen Wissensschatz nach einer neuen Seite zu verwerthen. Derjerusalemische Talmud, der Zwillingsbruder des babylonischen, bliebJahrhunderte hindurch in demselben Maße unbeachtet, als dieser bisin seine Falten durchforscht wurde, ein eigenes Geschick, dem auchBücher unterworfen sind. David Fränkel hatte sich des verlassenenjerusalemischen Talmud angenommen, dadurch einen bedeutenden Ruferlangt und war von Dessau für das Berliner Rabbinat berufen worden.
Er nahm sich des schüchternen Jünglings an, ließ ihn zu seinenrabbinischen Vorlesungen zu, versorgte ihn leiblich, um ihn nicht ver-hungern zu lassen und beschäftigte ihn mit dem Abschreiben seinerCommentarien zu eben diesem Talmud, weil Mendelssohn von seinemVater, einem Schreiber von Gesetzrollen, eine schöne Handschrift alseinziges Erbe überkommen hatte. Wenngleich Mendelssohn bei Fränkelweiter nichts als Talmud lernen konnte^), so hatte dieser doch einengünstigen Einfluß auf die Geistesrichtung seines Jüngers, da seine Lehr-methode, ein brachliegendes Feld (die Ausgleichung der beiden Talmudemit einander) zu bebauen, nicht so verschroben, klügelnd und verkehrtwar, wie die der meisten Talmudansleger, das Krumme grade und dasGrade krumm zu machen. Mendelssohns angeborener Gradsinn undWahrheitsdrang wurde durch seinen ersten Meister nicht unterdrücktoder gehemmt, und das war auch etwas Werth.
Wie die meisten Talmudjünger (Laoliurim) führte Mendelssohndas dürftige Leben, welches der Talmud gewissermaßen als Bedingung
f^) Vgl. jedoch Jacob Auerbachs Abhandlung „Moses Mendelssohn unddas Judenthum" in L. Geigers Zeitschr. f. d. Gesch. d. Juden in Deutsch-land I, S. 18, N. I.j
2) Es ist uner wiesen, daß er unter Frankels Leitung Nors diebuebimoder anders jüd.-philosophische Schriften studirt hat, wie die Biographen an-geben. (David Fränkel wurde in Berlin etwa 1704 geboren und starb daselbstam Abende des 4. April 1762. Vgl. Landshuth, oü- Mn rni^r>, S. 38. 57 f.j