Druckschrift 
7 (1894) Geschichte der Juden von Maimuni's Tod (1205) bis zur Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal : 1. Hälfte
Entstehung
Seite
320
Einzelbild herunterladen
 

320

Geschichte der Juden.

durch Anstrengung des Geistes, durch Erhebung der Seele zum Ewigenund Beständigen und durch Absonderung von der menschlichen Gesell-schaft die Stufe eines Propheten erreichen. Er gab sogar die Mög-lichkeit von Ahnungen i) und Hexerei zu. An den biblischenWundern hatte Leon de Bagnols wenig auszusetzen, viel weniger alsKaspi. Ihre Möglichkeit ist ihm mit der Entstehung der Welt ge-geben; sie seien als augenblickliche Schöpfungen zu betrachten. IhreWirklichkeit war ihm durch die beurkundeten heiligen Schriften be-wahrheitet 2). In der Unsterblichkeitslehre ging er von der damalsherrschend gewordenen Ansicht entschieden ab, welche die abgeschiedeneSeele in dem Weltgeiste ganz und gar anfgehen und verschwindenließ. Gersonides nahm dagegen eine individuelle, stufenmäßige Un-sterblichkeit an, je nach dem Grad der Vollkommenheit, den die Seelehienieden sich angeeignet und errungen habe

Mit der Annahme der Prophezeiung und der Wunder, welcheGersonides philosophisch bewiesen zu haben glaubte, stand ihm dieOffenbarung der Thora als unerschütterliche Thatsache fest, die weiterkeines Beweises bedürfe. Sie hat natürlich wie alles von GottErschaffene einen Zweck und zwar einen sehr erhabenen. Sie willzur wahren Glückseligkeit führen; Gott habe damit seinen Vorsehungs-Plan für das edelste Wesen auf Erden ergänzen und verwirklichenwollen. Die Offenbarung des Judenthums habe das Zweckdienlichedurch ganz bestimmte Anweisungen, dieses zu thun und jenes zulassen, vorgezeichnet. Was sich aber nicht als -bestimmtes Gesetzformuliren lasse, wie z. B., inwiefern der Mensch seine Freude oderseinen Unwillen beherrschen solle, das sei in der Form von Erzäh-lungen niedergelegt, in denen uns nachahmenswerte Muster vorAugen geführt würden. Endlich seien manche Lehren, welche aufdem mühsamen Wege der Erkenntniß nicht so leicht erreichbar wären,durch prophetische Darstellung veranschaulicht. Auch der Talmud ent-halte diese drei Bestandteile: Gesetze (Ualaoda), Beispiele undLehren Nach diesem Maßstabe legte Gersonides die

heilige Schrift aus. Man kann sich denken, daß seine Erklärungsweisenichts weniger als sachgemäße Exegese war. Er war wie fast sämmt-liche jüdische Philosophen des Mittelalters in dem Jrrthum befangen,daß die heilige Schrift sich entweder mit der aristotelischen Philosophiedecke oder ihr wenigstens nicht widerspreche. Von den Jrrthümernder Zeit war Levi b. Gerson überhaupt nicht frei. Er steckte auch

H Das. II. 2 ) Das. IV. zweite Abtheilung.

2) Das. I. besonders o. 1113.

Einleitung zum Pentateuch-Commentar.