Gersonides.
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Maestro Leon de Bagnols, wie er als Arzt betitelt wurde, derabwechselnd in Orange, Perpignan und in der damaligen Residenzder Päpste Avignon weilte, war so glücklich, nicht zu den Judendes eigentlichen Frankreichs zu gehören. Er litt also nicht bei derAustreibung seiner Stammgenossen aus diesem Lande (o. S. 242);aber sein Herz blutete beim Anblick der Leiden, denen die Verbanntenausgesetzt waren. Auch von der Hirtenverfolgung nnd den darauffolgenden Leiden blieb er verschont. Gerade in derselben Zeit begannseine fruchtbare Schriftstellerthätigkeit, welche mehr als zwei Jahr-zehnte dauerte (1321 — 1343 Z. Keines seiner Werke hat indeß soviel Aufsehen gemacht, als sein religions-philosophisches (iMolmwotL.äonai), in dem er die kühnsten metaphysischen Gedanken mit einerRuhe und Rücksichtslosigkeit auseinandersetzte, als kümmerte er sich garnicht darum, daß er wegen Abgehen von dem hergebrachten Vorstellungs-kreise verketzert und geächtet werden könnte. „Sind meine Behaup-tungen richtig," so äußerte er sich, „so kann mir der Tadel nur zumLobe gereichen." Er wollte auch gar nicht, wie Kaspi oder Pulgar,mit den naivgläubigen Feinden der Wissenschaft anbinden. Kaumwürdigte er sie von seiner Gedankenhöhe herab eines verächtlichenBlickes: „Für diese Leute ist das Glauben gut genug, mögen sie esbehalten und sich vom Wissen nicht stören lassen" ^). Leon de Bagnolsgehörte zu den nicht häufig auftauchenden Denkern mit majestätischerStirn, welche die Wahrheit an sich suchen, ohne Rücksicht auf andereZwecke. Er stand in diesem Punkte höher als selbst Maimuni, dermit seinen Untersuchungen die Verherrlichung des Judenthums unddie Beseitigung der gegen dessen Wahrheit gerichteten Einwürfe be-absichtigte. Levi b. Gerson dagegen sprach es geradezu aus: manmüsse die Wahrheit ans Licht ziehen, selbst wenn sie der Thora aufdas Stärkste widersprechen sollte. Denn diese sei kein tyrannischesGesetz, welches die Unwahrheit als Wahrheit aufzwingen wolle, sondernsie wolle gerade zur wahren Erkenntniß anleiten ^). Stimme danndie gefundene Wahrheit mit den Aussprüchen der Bibel überein, sosei es um so erfreulicher. Gersonides hat in der Rücksichtslosigkeitdes Denkens unter jüdischen Forschern nur an Spinoza seinesgleichen.Auch erkannte er keine Geheimnißthuerei in der Wissenschaft an, wieviele seiner Vorgänger und selbst Maimuni, der sein philosophisches
*) Sein großes astronomisches Werk verfaßte er Noo. 1328, -uom.n das.S. 163 und auch noch ein anderes
2) Einleitung zu Nilollainod, Gersonides' Hauptwerk, erste Edition vonJakob Mercaria Riva di Trenta IS60, zweite Leipzig 1866.
o) Das sä Riva x. 2 ä. und Abschnitt IV. x. 69 s..