Philosophie und Religion.
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anspruchen wie die göttliche Offenbarung. Der rechtgläubige Greismacht dagen geltend, daß nicht Aristoteles, sondern Mose, nicht dieVernunft, sondern die Prophetie die wahre Kunde von der Gottheitund ihrer Weltregierung mittheile. — Isaak Pulgar, der dem Stock-gläubigen gern eine Niederlage bereiten mochte, läßt den Greis ge-flissentlich Blödsinn sprechen und die Kabbala mit hiueinziehen, umsie recht lächerlich zu machen. Er läßt ihn behaupten: vermöge derprophetischen Offenbarung seien die Gläubigen im Stande, die tieferenGeheimnisse der höheren Welten, Paradies und Hölle, die Engelgruppenund die zehn kabbalistischen Substanzen (8öürot> zu erkennen. DerFromme könne sogar vermittelst der geheimnißvollen Gottesnamen mitvorangegangenen Weihen Wunder thun, z. B. den Raum überspringen,sich unsichtbar machen, Krankheiten heilen, zukunftkündende Träumeanregen, wie es deutsche und französische Fromme wirklich vollbrächten.Ein solches Bändigen und Beherrschen der Natur erlange mannicht durch philosophische Forschung, sondern durch die biblischeOffenbarung.
Der philosophische Jüngling übertreibt dann wieder nach deranderen Seite und stellt die Wissenschaft höher als die Prophetie,denn jene gäbe klare und deutliche Erkenntnisse und vermöge sich vonihrem Verfahren Rechenschaft zu geben. Diese dagegen vollziehe sichohne Bewußtsein, liefere nur dunkle, verworrene Vorstellungen, weilsie mit der ausschweifenden Phantasie auf's Engste verknüpft seiDarum bemerkten selbst die Talmudisten: „Der Weise ist mehr dennder Prophet."
Da der Stockgläubige und der Vertheidiger der Wissenschaftihren Streit nicht beilegen, die Zuhörer ihn auch nicht schlichtenkönnen, so drängen die Letzteren Beide, die interessante Streitsacheeinem jüdischen König von Jerusalem vorzulegen. Dieser giebt nunsein Urtheil darüber in folgendem Sinne an: Gott habe den Menschenmit zwei Lichtern begnadigt, mit dem Lichte des Geistes und dem derprophetischen Offenbarung. Da beide denselben Urheber haben, soseien beide berechtigt und dürfen einander nicht auslöschen wollen.Vermittelst des Geistes erhebe sich der Mensch zu der höheren Welt,zerreiße die Nebel der Unwissenheit und erlange ewiges Leben. DieVernunft regele lediglich seine Einsicht, die Religion aber seinThun, sein sittliches und religiöses Verhallen, und sei darum ebensonothwendig. Da der Mensch nicht im Staude sei, ein bloß theoretisches,auch nicht ein bloß praktisches Leben zu führen, sondern die Praxisvon der Einsicht leiten, die Theorie durch das Handeln bewährenlassen soll, so seien Philosophie und Religion zwei Führerinneu, die
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